Ganz unten
In meinem ruhigen Wohnvorort schmiegt sich, eingebettet in einen baufälligen Bretterverschlag, ein Altpapiercontainer nebst umstehender Peripherie aus Altglas- und Altmetallsammeltonnen auf ein Fleckchen Erde zwischen die drei Sportplätze. Sind selten geworden, solche Sammelstellen seitdem sich hinter jedem Haus drei bis vier Abfalltonnen bemühen, den Müll jeglicher Art in geordnete Bahnen zu lenken.
Gerade eben habe ich eine Fuhre Einwegglas und Altpapier weggebracht (… nach 20 Uhr, grobe Ordnungswidrigkeit, i know). Als ich meinen Kram grade gedankenversunken durch die erste Einfülluke des mannshohen und ca. 2,5 x 5 Meter großen Papiercontainers stopfen will fährt mich aus dem dunkel von drinnen plötzlich eine Stimme an: »Halt! Nicht dadrauf!«
Verdutzt halte ich inne, setze ab und gehe zur Hinterseite des, wie mir jetzt erst auffällt, dort offen klappenden Containers. Als ich reinschaue ist das Behältnis bis auf den hinteren Teil fast leer. Unterhalb der Öffnung, durch die ich mich eben meines Altpapiers entledigen wollte kniet ein hagerer Mann mit schütterem grauen Haar und faltet einige größere Kartons auseinander, um sie in der Ecke zu einem Lager aufzuschichten. Er wirkt alt, eher 60 als 50, trägt eine verschlissene Flecktarnhose und ein graues Feinrippshirt. »Stells da in die Ecke. knurrt er, sich nur halb zu mir umwendend.
Ich stelle meinen Krempel ab, gehe zurück zum Wagen. Den Typen habe ich hier schon damals gesehen, bevor ich vor 6 Jahren weggezogen bin. Immer mal wieder ist er mir inzwischen in den letzten Jahren aufgefallen, meistens mittwochs, wenn ich mittags auf dem Weg in die Stadt den Marktplatz passierte und er dort zum Ende des Wochenmarktes den Händlern half, ihre Steigen und Paletten zusammenzupacken.
Zwei Fuhren hab ich noch aus dem Kofferaum geholt und überlegt, ob ich quasi aus der Hüfte mit dem Handy ein Foto schießen soll. Wäre kein Problem, erscheint mir dann aber irgendwie entwürdigend. So lass ich’s sein. Den nächsten Packen alter Zeitungen nimmt er mir direkt aus der Hand, den dritten stelle ich wortlos ab, wärend er weiter seinen Schlafplatz baut. Als ich danach das Altglas in die nebenan stehenden Container plumpsen lasse verrät ein metallenes Knirschen, das er die große Verschlußklappe am Ende des Containers zugezogen hat. Von innen.
Ich kanns nicht richtig einordnet. Weiß nicht, wie er drauf ist, was ihn in diese Lage gebracht hat. Vielleicht ist er ein Arsch, vielleicht eine arme Sau, oder beides, keine Ahnung. Nur meine täglichen Sorgen um Job, Geld und Verpflichtungen, um das was ist und das was mal werden könnte, die nehmen sich in diesem Moment sehr viel kleiner aus.





2 Kommentare, Comment or Ping
Budenzauberin am 16. Juni 2006:
Ja, der Mann, der im Papiercontainer wohnt, der ist hier ja dorfweit bekannt – wußtest Du das bis dato tatsächlich nicht?
Ich mag ihn zwar nicht, aber es gibt ja keinen Anlass, ihn meine Antipathie spüren zu lassen, außer einmal, als er mir ohne Vorwarnung Kartons aus der Hand- nein, nicht nahm, sondern regelrecht riss. Sowas mag ich nicht und habe ihn dementsprechend zurechtgewiesen, freundlich aber bestimmt.
Ich würde ihn unter “arme Sau” einordnen – ich hab’ mal hier in einer Kneipe gejobbt, da kam er immer auf’n Kaffee und erzählte mir davon, daß er auch sowas (Kneipe) vorhat zu eröffnen und er wäre schon in Verhandlung…wie man sieht, ist nichts draus geworden und wird es auch nie. Ein andermal bekam ich während des Altglaseinwurfs ein Gespräch zwischen ihm und einer scheint’s auch mitleidhabenden Frau mit, die ihn auf irgendso’nen Schützenorden ansprach, den er von wer-weiß-wo hat und er sagte, er wäre Vorstandsvorsitzender vom deutschen Schützenbund… die Gerüchteküche sagt, er habe offiziell von der Stadt einen Schlüssel für den Container, wobei ich mich schon frage, warum die ihm keine gescheite Unterkunft für Obdachlose geben können.
Hmmm.
(Ach, Du wohnst also auch hier?)
16. Jun. 2006
ker0zene am 16. Juni 2006:
Irgendwann vor x-Jahren ist mir der Bursche schon mal an dem Container aufgefallen. Ich bin dann Ende 2000 aus Elsen weggezogen und war seit dem selten hier. Damals hatte ich das so unter “Na, hat er Glück gehabt das der Container offen war und eine Nacht drin verbracht” eingeordnet, aber nicht gedacht, das er das dauerhaft macht. Wie ich oben schrieb ist er mir ansonsten des öfteren mal in PB aufgefallen, mit den Jahren lernt man hier ja in der Gegend eine Reihe “schriller” Persönlichkeiten nennen.
Bin jetzt wieder ein knappes Jahr hier im Ort, ohne das ich in der Zeit in der Ecke gewesen wäre. Am Montag musste dann mal der Keller ausgemistet werden und die Tonne hinter dem Haus war voll, deswegen zum Container. In der Zeit in der ich dort war kam noch eine Frau, die – ähnlich wie von Dir beschrieben – auch ziemlich rüde abgefertigt wurde. Mit einer Begegnung dieser Art rechnet man an so einem Ort auch nicht unbedingt.
Interressant, was du zu dem Schlüssel schreibst. Ich hatte mich schon gefragt, wie er das regelt und “Revierkämpfe” vermeidet, um sich den Platz zu sichern. Ich nehme mal an, das er irgendwo “auf dem kleinen Dienstweg” an den Schlüssel gekommen ist, von irgend einem Mitarbeiter zugesteckt oder so. Das das offiziell von Stadt oder ASP kommt kann ich mir irgendwie nur schwert vorstellen. Hab mich auch gefragt, ob es da keine bessere Lösung zur Unterbringung gibt (… obwohl der Mann sicher nicht einfach ist). Die Situation ist ja auch nicht unheikel, wenn man daran denkt, das jemand in Übermut/Bosheit/Vandalismus mal was brennendes in den Container wirft.
(Und ja, Elsen, born and raised
. Von dem was im Ort abgeht bekomme ich allerdings kaum was mit, wie ich kürzlich erst wieder bemerkt habe – Stichwort Rotlichtgewerbe. Das ist aber Stoff für einen eigenen Blogeintrag *g*)
16. Jun. 2006
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