Kolumbien, China, Brause, Bilder & ich
Ich geb’s gerne zu: Machmal bin ich ein Spätstarter. So hat es dann auch lange gedauert, bis ich neulich dann doch mal die Anmeldung bei Flickr in Angriff nahm. Nach dem Klick auf »Sign up!« dann die Überraschung: »To get started on Flickr… Sign in to Yahoo!«.
Für viele vielleicht ein bekannter Fakt, für mich in diesem Moment ein Grund zum zögern. Vor ein paar Monaten hatte ich mal einige Zeit lang die Yahoo-Widget Engine auf dem Rechner, mit ein paar Spielereien wie dem Kalender oder einer Wetterprognose. Das ganze schien mir sehr ressourcenhungrig und lief auch nicht richtig stabil und als dann wieder einmal Berichte aufkamen, das Yahoo die Daten von regimekritischen Dissidenten an die chinesische Führung weitergab zog ich die Konsequenzen und deinstallierte den ganzen Kram wieder.
Nun also Flickr und die Frage: Registriere ich mich, oder registriere ich mich nicht? Es drängt sich der Vergleich zur Coca-Cola Kontroverse auf. Der weltgrößte Softdrinkhersteller steht bekanntlich seit geraumer Zeit in der Kritik bezüglich gewisser Umstände im Zusammenhang mit der Ermordung von Gewerkschaftern in Kolumbien. Ein sehr komplexes Thema, für meine Begriffe von Johnny beim Spreeblick hervorragend aufbereitet (lesen!).
Wie soll man sich nun verhalten? Klar, Kolumbien ist weit weg und die ganze Sachlage ist alles andere als transparent. Coca-Cola wird seit 1929 auch in Deutschland produziert und die deutsche Coca Cola GmbH hat bezüglich der Vorgängen in Kolumbien vermutlich genauso wenig Ahnung (und Einfluß), wie der Supermarkt, bei dem ich ab und an meine Kiste Coke light kaufe. Coke ist weltweit wie national ein großer Wirtschaftsfaktor und wir alle haben gerade erst vier Wochen lang ein Ereignis bejubelt, das maßgeblich vom Konzern unterstützt und präsentiert wurde. Dennoch schmeckt mir die Coke vor diesem Hintergund nicht mehr so wie früher, andere sind konsequenter und boykottieren die Produkte des Konzerns, wie z.B. die Uni Köln und viele weitere. Ein Fakt, der Coca-Cola weh tut und zur Reaktion zwingt.
Und nun Flickr. Ich bin ziemlich sicher, das keine der direkt in Flickr (das im März 2005 von Yahoo gekauft wurde) involvierten Personen Einfluß auf die Beziehungen zwischen Yahoo und China hat. Genausowenig wie die nach Flickr-Angaben derzeit über 3 Millionen registrierte Nutzer. Trotzdem eine irgendwie zwiespältige Geschichte. Mir geht es in diesem Eintrag nicht darum, zu moralisieren oder die-hard politisch korrekt zu sein. Nicht zu unrecht heißt es, das man überall Leichen im Keller findet, wenn man nur tief genug gräbt. Aus dieser Sicht ist dieser Eintrag mit dem Bezug auf Coca-Cola und Flickr/Yahoo viel zu eng gefaßt, da kämen sicher noch einige andere weit eher an die Reihe.
Vielleicht ist es aber schon etwas wert, wenn man bei der Coke im Biergarten oder beim Bilderupload vorm Rechner gelegentlich mal drüber nachdenkt, was da sonst noch ist. Und das auch mal äußert.





3 Kommentare, Comment or Ping
Erik am 11. Juli 2006:
Wenn man es genau beleuchtet, fängt es auch schon im Kleinen an. Es gibt zahlreiche Gründe dafür, nicht bei Schlecker oder Lidl zu kaufen. Im Grunde genommen läuft es dabei aber immer auf den Kosten/Nutzen-Faktor hinaus. Wohnt man auf dem Dorf, wo es nur den Lidl gibt, wird man den Teufel tun, ob der Mitarbeiterpolitik des Ladens ständig das Auto zur 500km entfernt liegenden Ortschaft mit einem Feinkost Albrecht zu bemühen.
Im Grunde genommen muss man also für sich selbst abwägen, worauf man verzichten kann (und will), um in stiller Demonstration seiner Meinung Ausdruck zu verleihen. Ich persönlich trinke nichts mehr aus dem Hause Coca Cola, was mir als ex-obsessivem “Coke-User” echt schwer fällt. Aber weil ich es kann und es letzten Endes auch nicht die ungesündeste Entscheidung ist, bin ich eben auf das gute Aldi-Mineralwasser umgestiegen. Und spare noch dabei. Bei Schlecker und Lidl kaufe ich sowieso und jetzt erst recht nicht.
Was Flickr angeht, müsste man im gleichen Atemzug der Gründe wegen theoretisch auch auf die tägliche Suche mit Google verzichten. Die geben – so glaubt man – zwar noch keine Daten weiter, aber zensieren nichts desto trotz, nur, um den asiatischen Markt zu erschließen. Ich hab’s mit MSN Suche als Alternative (v)ersucht, aber mangels der entsprechenden Relevanz der Suchergebnisse wäre mir hier einfach der Zeit-/Kostenfaktor zu hoch, da mir so in einigen Bereichen die nötige Effektivität verloren geht. So ein Flickr hingegen bietet einem nichts, was einem nicht eine herkömmliche Gallery bieten würde, so man denn die Bilder selbst zu hosten und – in einigen Fällen – zu promoten vermag. Ich hab’s bei mir im eher spärlichen Einsatz, weil ich mir noch keine Gedanken über die Flickr-Yahoo-Verbindung gemacht habe. Beizeiten wird man da Alternativen suchen, aber um überall stets informiert zu sein und dementsprechend dann alle Zelte abzubrechen oder umzuplanen fehlt einem leider zumeist die Zeit und/oder die Möglichkeiten.
Die Wirtschaft ist leider eh zu dreckig, als dass man ein “perfekter Mensch” sein könnte, was das angeht. Irgendwo unterstützt man ja doch wieder irgendeine Lobby oder irgendeine Scheinfirma von irgendeinem größeren Geldgeber, der wiederum Dreck am Stecken hat. Das aber liegt wiederum in der Natur der Dinge, denn Business ist generell und in jeder Branche schmutzig und hat primär nix mit “Menschlichkeit” zu tun, sondern mit Geld, Geld, Geld. Und Geld.
11. Jul. 2006
ker0zene am 11. Juli 2006:
Danke für Deinen Kommentar! Du sprichst da genau an, was ich im letzten Absatz andeuten wollte. Ganz klar – man kann kaum bzw. gar nicht ohne diese Kompromisse leben.
Irgendwo wägt man letztlich nur zwischen verschiedenen Übeln ab oder richtet sich nach der eigenen Bequemlichkeit. Mal hat man es dabei leichter (z.B. Open Source Software im Vergleich zu Anwendungen einiger Konzerne), mal ist es mangels Alternativen kaum oder nur eingeschränkt möglich (Google bei den Suchmaschinen, die von Dir beschriebene Situation beim Einkaufen).
Deswegen soll es von meiner Seite nur ein wenig um das Bewußtsein gehen, das kritische Hinterfragen der eigenen Position, das “auch mal verzichten”. Und um die Stimme, die jeder von uns hat. Die gilt – so mein fester Glaube – in diesem Zusammenhang genauso wie auf der politischen Bühne. Man kann schon ab und an mal eine Kleinigkeit ändern/bewegen/anstoßen – wenn man sich bei Zeiten auch mal äußert.
11. Jul. 2006
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