Die manchmal beruhigende Wirkung bodenständigen Spiessertums

»… da ist noch eine Sache, die ich Dir sagen muß â€¦Â«

Sätze die so anfangen enden meistens in nichts Gutem. Deswegen wurde ich hellhörig, als meine Mutter ihn neulich so zögerlich aussprach und mit leiser werdender Stimme unvollendet ausklingen ließ. Wir hatten uns nach eigentlich viel zu langer Zeit mal wieder zum Frühstück getroffen und in der Zeit vorher nur ein paar Mal kurz telefoniert.

Für gewöhnlich erwartet man nach einem solchen Satzbeginn Katastrophen der Güteklasse »Ich bin unheilbar krank!« oder wenigstens etwas wie »Was ich Dir immer verschwiegen habe: Du bist in Wirklichkeit aus einem Verhältnis mit unserem Briefträger entstanden!« (… was eine echtes Drama wäre, war doch unser Briefträger über zwanzig Jahre lang ein grobschlächtiger Suffkopp, der ab Mittags mit seinem Herkules-Moped nur noch Schlangenlinien fuhr. Zu Abiturzeiten habe ich den vollstrammen Mann samt Kraftrad dreimal aus einer üblen Dornenhecke gezogen.)

Ganz so schlimm kam es dann doch nicht. Meine Mutter eröffnete mir lediglich, nach 9 Jahren zum Ende des Monats ihre Wohnung kündigen und endlich zu ihrem Lebensgefährten ziehen zu wollen. Ich grinste, nicht wenig erleichtert.
»Darüber machst Du Dir Gedanken? Das ich damit irgend ein Problem haben könnte?«
Mütter halt.

Nach der Trennung meiner Eltern hatte sie 1998 eine Mietwohnung in einem Vorort bezogen, die ich in jenem Sommer zusammen mit dem Mann einer ihrer Freundinnen renovierte. Ein ehemaliger Beamter, der mir stundenlang Beamtenwitze erzählte. Wir tapezierten die gesamte Wohnung und lieferten uns einen stillschweigenden Streit ums Radioprogramm. Jedes Mal, wenn ich eine neue Bahn eingekleisterter Tapete vom in der Küche aufgestellten Tapeziertisch holte, stellte ich den Sender auf 105,5 MHz, 1live. Jedes Mal wenn ich zurück kam hatte er inzwischen wieder auf WDR 4 gedreht. Die Wände in den Zimmern bekamen wir gut hin, an der Decke scheiterten wir dann. Er hatte dann einen jungen Polen an der Hand, der alleine mit Zigarette im Mund auf zwei wackligenden Buchenbohlen spazierend die Rauhfaser unter die Decke warf, das es eine wahre Wonne war.

Das Vermieterehepaar war ein ganz besonderes. Die Wohnung hatte jahrelang leer gestanden, weil kein Mieter ihren Ansprüchen genügt hatte. Bis meine Mutter kam. Über 50, Nichtraucherin, alleinstehend, Kinder erwachsen, in Beschäftigung und man kannte sich aus der Kirchengemeinde. Passender hätten sie sich den Wunschmieter auch nicht schnitzen können.
Als ich damals zum ersten Mal ins Treppenhaus trat wunderte ich mich über die Batterie von Anzeigen, die die aktuellen Werte von Volt, Watt und Ampereleistung des Hausstromnetzes über dem Abgang zum Keller darstellten. Der Vermieter war pensionierter Elektrikermeister und das erst der erste von vielen Spleens, die ich im Laufe der Jahre kennen lernen sollte.

Da war zum Beispiel der Spiegel, den er sich von außen an die Hauswand am Küchenfenster geschraubt hatte. Ein großer Rückspiegel, der wohl mal zu einem LKW gehört hatte. Durch diese Installation konnte er bequem von seinem Küchentisch aus überblicken, wer gerade zum Hauseingang ging. Oder seine Bastelleidenschaft. Der halbe Dachboden, eigentlich zur Wäschetrocknung vorgesehen, war mit diversen hochwertigen Maschinen zur Holz- und Metallbearbeitung vollgestellt. Nach dem Einzug meiner Mutter gestand er dann mehr oder minder widerwillig zu, nur noch Montags und Dienstags zu schreinern (Sachen wie die milimetergenau eingepasste Kartoffelkiste auf Rollen unter der Kellertreppe), damit ab Mittwochs dann Wäsche getrocknet werden konnte.

Über das ab September Hüfthoch gespannte Gitternetz längst des Zugangsweges im Vorgarten wunderte ich mich seinerzeit nur im ersten Jahr. Zunächst vermutete ich eine verspätete Erbsenzucht in ackerbaulicher Randlage, wurde dann aber in Kenntnis geseztzt, das dieses Gitter einzig dazu bestimmt war, die Wege und die Garageneinfahrt vor hereingewehtem Laub zu bewahren. Eine Maßnahme, die um so grotesker wirkte, da sowieso kaum ein fallendes Blatt auf dem Boden aufkam, ehe er schon mit seinem mobilen Laubsauger zur Stelle war.

Schnell aufgeklärt war ich über die Lampe, die plötzlich neben dem Heizkörper aufleuchtete, als ich während der Renovierungsphase eines späten Abends auf der Toilette (stilechte Fliesen in Altrosa …) saß. Er hatte dorthin eine Steckdose verlegt, an der per Zeitschaltuhr ab 23:00 Uhr Strom anlag. Ein in die Dose gestecktes Nachtlicht, wie man es für kleine Kinder kennt, signalisierte dem Mieter dann, ab wann der billige Nachtstrom verfügbar war. Er bat in diesem Kontext darum, möglichst erst ab dem erleuchten des Nachtlichtes die Waschmaschine anzuschmeißen. Um Strom zu sparen.

Auch die Akkuratesse, mit der der Vermieter kleinere Reparaturen oder Installationen in der Mietwohnung erledigte. Etwa für den Heizkörper im Bad, den er in wochenlanger Filigranarbeit einpasste. Mit handgelöteter Kupferzuleitung und einer selbstgebauten Metallabdeckung gegen Spritzwasser aus der Dusche. Auch die nachträglich angebrachte Satellitenschüssel wurde mit derartiger Akribie montiert, das die Befestigung sämtlichen Vorschriften für die Sicherung schweren Gerätes auf Hochseebohrplattformen standgehalten hätte. Vor Sturm schien er eine Menge Respekt zu haben, was auch die veritable Kollektion von Windkraftmessern auf dem Dach seines ständig auf Hochglanz gewienerten Wintergartens belegte.

Ich habe meine Mutter in der Wohnung immer gerne besucht. Mitunter wird mir das Internet und überhaupt die modernen Zeiten, viel zu viel. All das Web zwo drei vier Trendgedingsbumste, die Züge auf die ich den Aufsprung versäumt habe. An Tagen, an denen ich von Marketingstrategien lese, die ich nicht verstehe und Diskussionen über Datenbankoperationen, Webtechniken und wirtschaftlichen Kram verfolge die sich meinem Verständnis hartnäckig entziehen. An solchen Tagen möchte ich den Stecker ziehen, was freilich nicht immer geht, und mir eine Dosis bodenständigen Spießertums gönnen. Als Zuschauer nur, wohlgemerkt, denn eigentlich muß man sich, will man sich, fühlt man sich … … ja doch ganz wohl. Bis auf die schlimmen fünf Minuten halt. Dann hab ich meine Mutter gerne besucht, mich im Vorgarten über die geometrisch exakt gestutzten Buchsbäumchen amüsiert, bin leiste auf den Zehenspitzen durch das Treppenhaus hochgestiefelt, das immer so sauber war wie sie das in den Reinsträumen bei der Chipfertigung mal gerne hinbekommen würden, und hab oben, wo es keinen Computer und überhaupt nur analoge Technik gibt, einen Kaffee getrunken. Und dabei den hyperaktiv im Garten herumwuselnden Vermieter beobachtet, der gerade an der Grundwasserpumpe fummelte, wenn er nicht gerade mit dem Wasserschlauch, dem Rasenmäher, dem Vertikutierer oder irgend welchem anderen technischen Gedöns unterwegs war. Das war immer sehr entspannend.

10 Kommentare, Comment or Ping

  1. donner littchen

    Ich liebe diese Texte und ihre Schreibweis, Klasse.
    wbr
    Elmar

  2. Du solltest Dein Schreibtalent nicht an der Tanke vergeuden – wobei: Recherche muss ja auch sein :-)

  3. noch ein Markus

    solche Momente müssen einfach mal sein, und wenn es nur 1 Stunde mit dem Hund im Wald ist.
    ohne Handy.
    täglich herrlich !
    :)

  4. Ich lese Dein Blog ja schon länger als stiller Leser mit, aber nun muss ich, ach was, ich fühle mich geradezu gezwungen, auch mal was loszuwerden.

    Deine Schreibe ist sowas von der Oberhammer … einfach nur genial :-)

    Ich sitz dann doch öfter mal vor dem Rechner, grinse still in mich rein und denke mir so: “Ja, passt, das kennst Du!”

    Weitermachen, mehr davon!

  5. @ donne littchen / Elmar: Freut mich sehr, wenn es gefällt! (… aber was zur Hölle bedeutet “wbr”?)

    @ Elsa: Sie hoffentlich auch! ;)

    @ irgendlink: An der Tanke absolviere ich ja nur meine (nicht ganz so) freiwilligen sozialen Jahre. Sozusagen. Ansonsten gehe ich noch einer geregelten Tätigkeit nach, von der man hier verklausuliert auch ab und an mal lesen kann. Über die Geschichten von der Tanke bin ich wiederum auch selbst sehr dankbar, das Reservoir an hier zu präsentierenden Jugendsünden ist ja auch nicht unerschöflich und sonst geht mir bald der Stoff aus. Oder ich muß anfangen meine Träume hier aufzuschreiben. Das kann aber niemand wollen.

    @ Markus: Jepp. die Erdung. die einfachen elementaren Dinge. Unersetzlich und wertvoll!

    @ Matthias: Vielen Dank! (damn, das macht mich ja fast verlegen ;) )

  6. Daniela

    Hi, stimmt, Du schreibst hervorragend. Da kann sich so manches Buch eine Scheibe von abschneiden.

    Die Beschreibung des Vermieters ist fantastisch. :-) Wie verschroben! Ich glaube, er hätte sich mit unserem früheren Vermieter gut verstanden. Den haben wir nicht mehr erlebt, er ist gestorben, bevor wir eingezogen sind. Jetzt handhabt seine Tochter für ihre Mutter die Vermiet-Angelegenheiten. Aber so ein paar Rudimente finden sich noch, beispielsweise die im Mietvertrag geregelten “Reinhaltereviere” (die Bereiche im umgebenden Garten, für die ein bestimmter Mieter zu sorgen hat).

    Das Nachtlicht für den billigen Nachtstrom finde ich genial. Bei anderen darf man ab einer bestimmten Uhrzeit nicht mehr Waschen, weil es zu laut ist, und bei Deiner Mutter im Haus wird man quasi genötigt, so lange wach zu bleiben, um die Maschine anzustellen. Gibt’s überhaupt noch billigeren Nachtstrom?

    Herzliche Grüße an den großartigen Autor!

  7. Der Herr, liebes Fräulein kerOzone, scheint ähnlich wie mein Nachbar Walter Serge eines der letzten Universalgenies zu sein. Kann man sich diesen Tollkühnen auch borgen? Oder ist er nur auf seiner Scholle derart vital?

    Herzlich
    Ihr Erdge Schoss

  8. … *räusper … das o raus und ein e rein ins kerOzene …
    dankeschön …

  9. donner littchen

    mfG (with best regards)
    Elmar

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