Das häßliche Gesicht der Nacht
Bisweilen sind das ganz amüsante Geschichten, die ich hier aus dem Tankstellenleben zum besten geben kann. Anekdoten mit besonderen Kunden, mal komisch, mal wunderlich, natürlich auch durchaus mal ärgerlich. Manchmal auch ein wenig nachdenklich, anrührend oder sogar traurig.
Dann und wann aber, insgesamt sehr viel öfter, als ich hier davon schreiben mag, zeigt sich an der Station aber auch die häßliche Fratze des abgründigen Lebens. Die triste Wirklichkeit im perspektivlosen Dasein derer, die nach der Schicht eben nicht in den Feierabend gehen. Sondern tagein tagaus in ihrem ausweglosen Dilemma verharren.
Vor einigen Tagen kam einige Zeit nach Mitternacht dieser unscheinbare Mann. Einer von der Sorte, mo man unbewußt zwei Mal hinschaut, gerade weil er so auffällig unauffällig ausschaut. Eine dunkelblaue Jeans, ein braun-grauer Pullover und eine graue Jacke im Wettstreit mit einem ebenso ausdruckslosen Gesicht unter strähnigem braunen Haar. Zwei Bierflaschen wollte er abgeben, zwei neue wieder mitnehmen. Vielleicht nicht die ersten für diese Nacht, ganz sicher nicht die letzten. Die Kollegin kassierte gerade, und machnmal haben wir des Nachts das Problem, das die Zentrale ein Update für das Kassensystem einspielt und für diese zehn oder fünfzehn Minuten alles stockt und nur quälend langsam funktioniert. So war es auch in diesem Moment. Und wie er da stand und warten mußte, und sich vielleicht zurückgesetzt fühlte, oder nicht ernst genommen, wie vielleicht viel zu viele Male in seinem Leben, da brach es mit einem Male mit Macht aus ihm heraus.
Beinahe mit Schaum vor dem Mund brüllte er los. Dabei wild gestikulieren. Fing mit seinem Vater an, der ihn von Kindes Beinen an mißbraucht habe, ein halbes Leben lang. Der jetzt, in der kommenden Woche, aus dem Knast entlassen werden würde, nach viel zu wenigen Jahren. Und keinen würde interessieren, wie es ihm dabei ginge. Und seine Freundin, die Schlampe, die sich nach Hamburg verzogen habe, und ihn nur nach Strich und Faden betrügen würde. Überall würde man ihn nur verarschen, immer und immer wieder. Und jetzt gäbe es aufs Maul, »… aufs Maul!« brüllte er. Und wirkte da bei so kraftlos hilflos wie ein weinendes Kindergartenkind.
Die Kollegin stand dort nur mucksmäuschenstill und wartete, bis das Gewitter vorüber zog. Er ließ die Sätze fahren, bis nur noch Fragmente von Worten dort standen und nicht mehr als Zischlaute übrig blieben. Ließ dann von den Bierflaschen ab, nahm sein Pfand und zog davon. Hinaus in die Nacht und keine bessere Zukunft.
Oder der Mann, der gestern Morgen in der Novemberdämmerung kam. Eine Flasche Wodka bestellte er, nicht den billigsten, dazu ein Päckchen Zigaretten. Die Kollegin stellte die Artikel vor ihm auf den Tresen, »17,99 dann bitte!« und er nimmt die Flasche, tritt zwei Schritte zurück, während er in der selben Bewegung den Schraubverschluß aufreißt und die Flasche in steilem Winkel ansetzt, so das der Alkohol nur so in seinen Rachen rauscht. Drei, vielleicht vier Sekunden dauert das nur, zu wenig Zeit für die verblüffte Kollegin, um ihre Überaschung zu überwinden und um den Tresen zu laufen und einzuschreiten. Dann setzt er ab, nur mehr ein kümmerlicher Rest von kaum eineinhalb Fingern breit ist in der Flasche verblieben.
»Und nun haben wir ein Problem …« lautet sein lapidarerer Kommentar, den man in anderem Kontext vielleicht hätte ›trocken‹ oder ›nüchtern‹ nennen wollen, wenn sich das hier nicht verboten hätte.
»… Sie haben kein Geld.« konsterniert die Kollegin und nimmt wenigstens die Zigaretten schnell wieder an sich. »Genau …« nickt er. Alkoholiker sei er, schon lange, und vierzehn Monate lang trocken gewesen zuletzt. Bis es ihn wieder erwischt habe. Und nun sei er wieder voll drauf. Er habe es einfach gebraucht. Und ob sie ihm jetzt ein Taxi rufen könne. Er müsse jetzt schnell wieder in die Anstalt.





10 Kommentare, Comment or Ping
chilibean am 19. November 2007:
Das sind die bitteren Geschichten des Lebens, wo man sich fragt, ob die eigenen Probleme nicht doch manchmal etwas marginaler sind, als man sie selbst wahrnimmt…
19. Nov. 2007
Ghettomaster am 19. November 2007:
Ja, wenn man sowas liest, stellt man fest, dass das eigene Leben so schlecht ja nicht ist. Aber über einen halben Liter Wodka auf ex… respekt…
19. Nov. 2007
Marnem am 19. November 2007:
@chilibean
Ich glaube, Du siehst das falsch. Diese Episoden zeigen nicht, wie marginal unsere Probleme sind, sondern dass wir mit ihnen glücklich und zufrieden sein sollten, denn schließlich geht es uns nicht so schlimm wie den beiden Herren.
Dies scheint ein generelles Problem zu sein, den schließlich wissen wir alle, auf welch hohem Niveau wir über unsere Probleme lamentieren. Ich freue mich im Nachhinein immer, wenn ich gerade wieder vor einem kleinen Problem stand und mich geärgert habe, denn schließlich scheine ich keine existenziellen Probleme zu haben…
19. Nov. 2007
Tim am 19. November 2007:
Klar haben wir ein Problem. Wir haben noch was zu verlieren. Das macht unsere Sorgen erheblich relevanter.
19. Nov. 2007
noergler am 19. November 2007:
Der Alkoholiker hat sein Leben zu verlieren, und er wird es verlieren, da der Alk ihn töten wird, wenn er weitertrinkt.
19. Nov. 2007
Tobias am 20. November 2007:
…und hat die den Taxiblogger gerufen (…wohl kaum)
20. Nov. 2007
ker0zene am 20. November 2007:
@ chilibean: Etwas in der Art war auch mein Gedanke. Lieber 7-Tage Woche, als so weit unten.
@ Ghettomaster: Solche Beobachtungen relativieren halt vieles. Was irgendwo bleibt ist die Frage, wie es so weit kommen konnte, was der Auslöser war. Ok, ziemlich offensichtlich bei dem Mann, der mißbraucht wurde (wenn man davon ausgeht, das das stimmt). Aber wo ist der “Point of no-return”, der Moment in dem einem das Leben völlig entgleitet und man es nicht mehr alleine packt?
@ Marnem: Existenzielle Probleme spielen sich halt auch auf diversen Ebenen ab und werden immer subjektiv wahrgenommen. In gewisser Weise kann Chilibean da momentan mitreden, denke ich. Wenn auch auf eine komplett andere Weise als der in meinem Text angesprochenen.
@ Tim: Mehr zu verlieren sicherlich. Ansonsten bin ich da bei noergler.
@ Tobias: Ich glaube, Torsten hat in der Nacht nicht gearbeitet. Und wenn, dann dürfte er um die Zeit gerade Feierabend gemacht haben.
20. Nov. 2007
Claudia am 21. November 2007:
Ich hoffe jedenfalls, dass der Whiskytrinker inzwischen wieder in Behandlung ist, sonst hat er wahrscheinlich nur noch wenige Wochen zu leben.
21. Nov. 2007
Dagger am 25. November 2007:
Freak-City…
25. Nov. 2007
Dein Kommentar: