Stieg Larsson – Verblendung
Frustriert und aufgrund eines haushoch verlorenen Gerichtsprozesses zu einer seiner Reportagen beruflich blamiert, erhält der Wirtschaftsjournalist Mikael Blomquist überraschend einen besonderen Auftrag. Der Großindustrielle Henrik Vanger bittet ihn, eine Chronik der bewegten Geschichte seines weitverzweigten Familienimperiums zu erstellen. Doch diese Tätigkeit bildet nur den Deckmantel für Vangers eigentliches Ziel – Blomquist soll klären, was tatsächlich mit seiner Nichte geschah, die vor beinahe vierzig Jahren spurlos verschwand. Anfangs allein, später im Team mit der sonderbar eigentümlichen Hackerin Lisbeth Salander spürt Blomquist Untiefen abgründiger Bosheit im Vanger-Clan auf, deren Auswirkungen bis in die Gegenwart reichen.
Hier im Blog ist mal zur Sprache gekommen, das ich einige Sachen nicht esse. Zum Beispiel Eier. Ich mag Eier nicht mehr, seit dem ich mal irgend wann in ganz jungen Jahren ein nicht hart gekochtes Frühstücksei bekam, das mir unter dem Löffel zerlief, als ich es köpfte. Ich bin auch kein Freund von dem, was man »Schwedenkrimi« nennt. Das liegt daran, das ich vor längerer Zeit auf einer beruflichen Reiseunterwegs abends im Hotel nur einen Wallander-Roman von Henning Mankell auftreiben konnte. Keine Ahnung, welchen. Jedenfalls empfand ich das Buch, das die kargen Weiten Schwedens und die noch kärgere Gemütsverfassung Wallanders beschrieb, als so deprimierend langweilig, das ich es für jenen Abend als unterhaltsamer erachtete, dem tropfen der Dusche nebenan zuzuhören. Wir hatten also einen schlechten Start, die schwedische Kriminalliteratur und ich, und in Anbetracht der großen Liebhaberschaft, der sich eben jene erfreut, hätte sie sicher auch von mir eine zweite Chance verdient. Aber Menschen sind ja nicht rational.
Aus genau diesem Grund machte ich bislang auch einen Bogen um die Bücher von Stieg Larsson, die ja nun doch schon seit einiger Zeit einen gewissen Hype erzeugen. Bis ich unvermittelt zu Weihnachten »Verblendung« geschenkt bekam und irgend etwas dafür sorgte, das dieses neulich zum einzigen Buch in Griffweite wurde. Was soll ich lange drum herum reden – »Verblendung« ist der Hammer, ein Pageturner ersten Ranges. Eines von den wenigen Büchern, bei dem ich an einer gewissen Stelle im letzten Drittel anfing zu bedauern, das es bald durchgelesen wäre. Stieg Larsson, der neben seiner Tätigkeit als Journalist und Herausgeber ein renommierter Experte für Rechtsextremismus war, starb 2004 mit knapp 50 Jahren an den Folgen eines Herzinfarktes. Spät zur Schriftstellerei berufen, gelang es ihm, vor seinem Tod die Manuskripte dreier seiner Bücher um die Protagonisten Mikael Blomquist und Lisbeth Salander fertigzustellen (geplant waren zehn Bände), aus welcher »Verblendung« den Auftakt bildet.
Larsson gelingt es, mit einem flüssigen und prägnaten Stil, der auch einigen Humor aufweist, keine Sekunde langweilig zu sein. Er nimmt sich ausgiebig Zeit, die Protagonisten einzuführen, ihre Vergangenheit und Motive zu erklären und die verzweigte Geschichte in Gang zu bringen, ohne hier auch nur eine einzelne Länge oder eine überflüssige Passage zu hinterlassen. »Verblendung« rollt an wie ein Güterzug, langsam, gleichmäßig aber genauso bestimmt und unaufhaltsam. Manchmal weiß der Leser mehr, manchmal weniger als die Protagonisten, aber nie zu viel, um das Ende und die weiteren Wendungen einschätzen zu können. Neben den beiden herausstehenden Ermittlern ist die Story der heimliche Star des Buches, die dem Leser alles an die Hand gibt und sich unter seinen Augen langsam entwickelt, ohne dafür auf hahnebüchene Zufälle angewiesen zu sein. Glaubwürdig wird geschildert, wie sich Blomquist und Salander mit unterschiedlichen Methoden langsam in den unlösbar erscheinenden Fall verbeissen und die verborgenen Geheimnisse der Industriellendynastie zu Tage fördern. Dabei gibt es ein paar handfeste Überraschungen und manches unscheinbare Detail erscheint rückblickend in einem ganz anderen Licht. Ein Thriller der Spitzenklasse, meine uneingeschränkte Empfehlung.
»Verblendung« wurde in Schweden verfilmt und kommt dort gegen Ende dieses Monats ins Kino. Ich bin von Buchverfilmungen in 95 % der Fälle enttäuscht, trotzdem – der Trailer sieht klasse aus und zeigt auf den ersten Blick gut wiedererkennbare Umsetzungen von Storyelementen, Figuren und Schauplätzen. Die beiden folgenden Bände werden zur Zeit fürs Fernsehen produziert.





2 Kommentare, Comment or Ping
Liisa am 15. Februar 2009:
Als ich den ersten Band der Trilogie las, war ich noch etwas unsicher, ob er mir nun gefällt oder nicht – manches fand ich arg überzeichnet. Zum Glück habe ich weitergelesen, denn die Trilogie wird besser und besser. Auf die Verfilmung bin ich auch schon sehr gespannt – ich gehe davon aus, dass wir die in Deutschland früher oder später auch zu sehen bekommen.
15. Feb. 2009
ker0zene am 21. Februar 2009:
Hmm, überzeichnet fand ich es nicht, wenn man mal in Betracht zieht, das es eben Literatur ist und keine Dokumentation. Klar, gut konstruiert, aber das ist es eben, was ich von einem Buch aus diesem Genre erwarte. Und dann ein großes Plus, weil es ohne “Deus ex machina” oder hahnebüchene Zufälle auskommt, sondern einfach aufgeht. Ich fühlte mich bestens unterhalten.
21. Feb. 2009
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