Lieber Karl-Theodor zu Guttenberg, …

… Sie sind mit Ihren 37 Jahren sicherlich noch als »jung« zu bezeichnen und dürften an der Entwicklung des Internets z.B. während Ihres Studiums aktiv teilgenommen haben. Angesichts Ihrer schulischen und akademischen Ausbildung kann man – auch ohne persönlich mit Ihnen bekannt zu sein – davon ausgehen, das Sie über einige Intelligenz verfügen und darf unterstellen, das Sie in der Lage sind, auch komplexe Vorgänge geistig erfassen, verstehen und bewerten zu können. Das ist von einem Minister auch zu erwarten.

Ihre Aussage

Es macht mich schon sehr betroffen, wenn ähm, pauschal der Eindruck entstehen sollte, das es äh menschen gibt, die sich gegen die Sperrung von kinderpornographischen Inhalten sträuben. Das ist nun wirklich einer der wichtigsten Vorhaben in vielerlei Hinsicht.

(O-Ton aus der Interview in der Tagesschau vom 08.05.2009, 14:00 Uhr – ab Min. 6:36
Berichtet wird über den Erfolg der Online-Petition gegen das geplante Gesetz zur Sperrung von Internet-Seiten)

kann ich mir daher nur wie folgt erklären:

Entweder haben Sie sich mit dem Thema selber überhaupt noch nicht auseinandergesetzt sondern es nur abgenickt und wurden lediglich von bestenfalls dummen (aber vermutlich eher tendenziös manipulativen) Beratern schlecht gebrieft. Dann haben Sie einfach Ihren Job hundsmiserabel erledigt …

… oder – und ich halte das für die deutlich realistischere Variante -, oder Sie stellen die Zusammenhänge bewusst völlig falsch dar.

Ohne Zweifel muß Ihnen klar sein, das die Unterzeichner der Petition sich mitnichten gegen die Bekämpfung von Kinderpornographie stellen.

Viel mehr kritisieren die Teilnehmer der Aktion (die hier nicht weniger tun, als ihre demokratischen Grundrechte auszuüben!), das das geplante Gesetz:

  • wirkungslos ist, weil die Sperrung einfach zu umgehen ist,
  • falsch angesetzt ist, weil Kinderpornographie auf ganz anderen Kanälen verbreitet wird, als über frei erreichbare (und mit Suchmaschinen zu findende) Internetseiten,
  • statt dessen einen Versuch zur Einführung von Zensur darstellt, welcher laut Grundgesetz ausgeschlossen ist,
  • darüber hinaus ein latenter Versuch ist, in den Köpfen der Internetnutzer und letztlich aller Bürgerinnen und Bürger eine Art Selbstzensur zu installieren,
  • keine Prüf- und Kontrollmechanismen vorsieht, was warum gesperrt wird – und daher der Willkür Tür und Tor öffnet,
  • weitere Begehrlichkeiten seitens der Industrie und anderer weckt, was noch alles zu sperren ist,
  • eine freie Informationsgesellschaft verhindert,
  • ein weiterer Schritt auf dem Weg in einen totalitären Überwachungsstaat darstellt.

All das müssen Sie verstanden haben, auch wenn es sich ohne Zweifel nicht mit Ihren Ansichten deckt. Das Sie aber mit Ihrer Aussage die Unterzeichner der Petition als Gegner der Verfolgung von Kinderpornographie darstellen und diese so unverholen als Unterstützer von Verbrechen an Kindern brandmarken, das ist an Perfidität wohl nur noch schwerlich zu überbieten.
Bewußtes falschverstehen, mißinterpretieren und diskreditieren von anders denkenden, sowie jene zeitgleich in die Ecke von Sympathisanten eines der denkbar schlimmsten Verbrechen zu stellen, diese Ihre Haltung ist – mit Verlaub – abgründig und ekelerregend.

Schämen Sie sich.

9 Kommentare, Comment or Ping

  1. Da ist mir für einen Augenblick auch die Kinnlade nach unten geklappt.

  2. Rainer

    Hallo,
    vielleicht kannst du ihm den Text auf Abgeordnetenwatch einstellen. Glaube zwar kaum, dass er ihn je zu sehen bekommt, aber ich halte es trotzdem für eine gute Idee.

    Gruß
    Rainer

  3. @Rainer: Kannst du vergessen.

    Schau Dir mal die 2-3 Standardantworten von ihm dort an.

    Dieser Mann interessiert sich nicht für die Belange des einfachen Volkes.

  4. Patrick

    Natürlich ist der Mann dazu in der Lage, die wahren Hintergründe der Petition zu erfassen. Die Frage ist, ob die geschätzte und adressierte Wählerschaft das auch ist.
    Welche Gruppen Herr G. mit dieser bewusst und – angesichts der Materie – durchaus bösartigen Übervereinfachung ansprechen und an die Urnen treiben will, ist mehr als offensichtlich.

    Schöner als Volker Pispers hat es keiner je ausgedrückt: Wenn man weiß, wer der Böse ist, hat der Tag Struktur.

    Das Thema verbietet eigentlich Zynismus, auch ohne den Rechtfertigungsdruck, der auf diejenigen ausgeübt wird, die antiquierte Dinge wie Grundrechte auch tatsächlich heute noch für angebracht halten. Was sich nicht verbietet, ist der schlichte Hinweis auf das Mautsystem, bei dem allen übervorsichtigen Mahnern und paranoiden Verschwörungstheoretikern diese Landes bei der Einfühtung versprochen wurde, die erfassten Kennzeichen würden niemals für andere Zwecke benutzt… es sei denn natürlich, es bietet sich in irgendeiner medial vermittelbaren Weise an: http://www.faz.net/s/Rub594835B672714A1DB1A121534F010EE1/Doc~E29DA94991B5A4FA2B68A79991EF47BB9~ATpl~Ecommon~Scontent.html

  5. @ Tom: Nach einer Nacht wird mir beinahe noch übler. Einfach unfassbar, diese unglaubliche manipulative Arroganz.

    @ Rainer: Ich habs direkt an seine Büros im Wahlkreis und in Berlin gemailt. Mal sehen, ob eine Reaktion kommt.

    @ Lars: Genau das befürchte ich auch. Da stehen ganz andere Interessen im Vordergrund.

    @ Patrick: Das ist noch das positivste an der ganzen Aktion – so langsam beginnt zumindest ein Teil des Volkes (heute morgen über 60.000 Unterzeichner der Petition) zu verstehen, das wir längst in einer Situation sind, in der man sich massiv gegen jeden weiteren Eingriff in Privatsphäre und Bürgerrechte wehren muss. Man kann keiner Zusage und keinem politischen Versprechen mehr vertrauen. Die Bespitzler und Überwachen haben schon lange den Fuß in der Tür und drücken diese mit aller Macht weiter auf. Das Mautsystem ist da das richtige Beispiel. Das Volk belügen und vertrösten und hintenrum den Begehrlichkeiten von paranoiden Politikern und den Wirtschaftsinteressen von Lobbyisten und Industrie zuarbeiten.

    ___

    Ich möchte auch noch auf diesen Eintrag verweisen: http://olliplog.de/2009/05/08/im-land-der-kinderschander/

  6. Er wird sich nicht schämen, weiß wahrscheinlich gar nicht, wie das geht.
    Die Annahme, dass ein Minister zu komplexem Denken fähig ist, ist vielleicht schlicht weg falsch.

    Wir wollen das einfach nicht wahrhaben, denn dann würde unser Verständnis von Politik total zusammenklappen.

  7. Der gute Karl-Theodor ist eben doch nur ein Politiker wie alle anderen…

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