Achim.

Achim kam zum Winterhalbjahr der fünften in die Klasse. Ein schmaler ausgemergelter Junge mit LSD-inspirierten Strickpullovern und aschblonden Schnittlauchhaaren. Heute würde man sagen: »Der junge Cobain!«, damals sagte man »Was’n Asi.« Was primär an Achims fortwährender Pfurzerei lag, sowie an seiner Unfähigkeit, mit geschlossenem Mund zu kauen. Nicht sehr appetitlich, gerade wenn die Mama einem nur Blutwurst aufs Pausenbrot legt. Weil er auch kommunikativ nicht viel mehr hergab als ein autistischer Maulwurf, tat Achim sich mit Freundschaften schwer.

Nach ein paar Monaten, ich hatte kaum jemals ein Wort mit ihm gewechselt, lag eine liederlich gebastelte Geburtstagseinladung im Briefkasten. Pech gehabt, Achim wohne nur zwei Straßen weiter. In einer Art missionarischem Integrationseifer hatte seine Mutter einfach ins Blaue hinein paar Jungs aus aus der Nachbarschaft eingeladen, unter anderem den mittleren der berüchtigten Krämer-Brüder und ›Bulli‹ Wulfke, der zwei Jahre älter war als wir und später eine achtbare Mofaknacker-Karriere absolvieren sollte.

Ich konnte es nicht verhindern – auch ein kurzfristig simulierter Oberschenkelhalsbruch half nichts – meine Mutter kaufte den neuesten ›Pitje Puck‹ und zwang mich zur Teilnahme an der Party. Ich kam etwas zu spät und landete in einer Geburtstagsgesellschaft, die sich in der Wohnküche um die traurige Imitation einer Sahnetorte versammelt hatte. Die Stimmung war nur wenig gelöster als im weißen Haus zur Zeit der Kuba-Krise. ›Bulli‹ Wulfke und der dicke Kröger machten die Sache mit der Torte unter sich aus, wobei Kröger seinen Anteil später wieder ins Treppenhaus kotzen sollte. Danach sollten wir ein wenig spielen, was sich schwierig gestaltete, da Achim schlichtweg keinen einzigen Plastiksoldaten und nur eine läppische Knallplättchenpistole besaß. Aus Verlegenheit kickten wir eine halb-platte Lederpille über den Hof, wobei Ralf Krämer erst zwei Schiefertafeln vom Garagenfirst schoss und anschließend einen Steckschuss in Achims Bauch landete, was gleichzeitig dessen einzige Ballberührung darstellen sollte.

Nach überstandenen Notfallmaßnahmen lud Achims Vater uns in einen alten VW-Transporter und fuhr die ganze Baggage in den Wald, wo eine Runde Schnitzeljagd gespielt werden sollte. Krämer und der lange Wentker aus der Reihenhaussiedlung wählten die Mannschaften, bezeichnenderweise wurde Achim als letzter verteilt, unter vernehmlichen Stöhnen des mit ihm gestraften Teams. Die Schnitzeljagd war ähnlich uninspiriert vorbereitet wie die gesamte Party, es ging über lichte Wege, was uns schnell langweilig wurde, weshalb wir Umwege durchs Unterholz einlegten und ›Bulli‹ Wulfke es für sinnvoll erachtete, einen Hinweis für die nachfolgende Gruppe auf dem Dach des rostigen Wracks eines alten Treckers zu hinterlassen, den jemand am Waldrand abgestellt hatte.

Eben beim abholen dieses Hinweises, was die Gruppe generös Achim überlassen hatte, fiel jener so gekonnt vom Dach des Treckers, das er sich sein schmächtiges Oberärmchen auf ganzer Länge mit der rostigen Metallkannte aufriss. Er rappelte sich im Gras auf, guckte erst verwirrt und fiel dann ohne einen weiteren Laut in Ohnmacht. Wentker und ich wetzen los und holten seinen Vater zur Hilfe, der Achim sofort ins Krankenhaus fuhr uns uns restliche erst knapp eineinhalb Stunden später am Wald abholte. ›Bulli‹ Wulfke und Ralf Krämer hatten währenddessen den Grill angezündelt und auf 12 Würstchen einen guten Liter Spiritus verbraucht. Ich bin rückblickend nicht sicher, ob Krämer nicht auch noch einen Schuss davon in seine Cola getan hatte.

So endete die Party recht abrupt und ohne nennenswert positive Auswirkungen auf Achims Integration ins Nachbarschafts- und Klassengefüge, als dieser ein paar Tage später mit bandagiertem Arm wieder auftauchte. Monate später trat sein Vater wieder eine neue Stelle an und die Familie zog ins Rheinland. Ich hab Achim nie wieder gesehen oder was von ihm gehört.

Bis er mich heute bei Facebook geaddet hat.

12 Kommentare, Comment or Ping

  1. o.m.g.! will man zu solchen menschen kontakt?
    mich hat neulich ein nachbarskind/mitschüler kontaktiert, der mal meinen vater beklaut hat.

  2. Durch meine Cheffen … motiviert … trat ich vor Kurzem XING bei und da ist es doch genau so. Man trifft nur Menschen, die man eigentlich nicht treffen will. Ich glaube, ich werde mich auch ganz schnell wieder abmelden. Trotz Motivation.

  3. Budenzauberin

    Pitje Puck.
    Ich hatte alle Bände.
    Und es bis eben verdrängtgessen.
    Danke, Achim.

  4. Schöne Geschichte!
    Meine “Freundes”-liste bei studivz hab ich bestimmt auch schon 2-3 mal geleert. Komisch ist, wenn man von denen dann welche z.B. auf Libori trifft und die da nicht einmal gescheit “Hallo” sagen können.

  5. Super geschrieben. Ich liebe die Wendungen, die verwendet werden: “autistischer Maulwurf”, “einen Steckschuss in Achims Bauch landete, was gleichzeitig dessen einzige Ballberührung darstellen sollte.” und “traurige Imitation einer Sahnetorte”.
    Ich kann es mir bildlich vorstellen und habe mich definitiv gut amüsiert.

  6. Und die Budenzauberin hat Recht: auch ich hatte alle Bücher des Postboten und des Polizisten Knurrhahn.

  7. schlaus

    nur gut, dass ich keinen facebook account besitze …

  8. Wunderschön geschriebener Text, der mich einmal mehr schmunzeln ließ. Außerdem bestätigte er meine Einstellung zu diesen ganzen social-network-Dingern: braucht man nicht.

  9. Faszinierenderweise habe ich in X*NG etc inzwischen wirklich nette Leute wiedergetroffen. Durch die viele Umzieherei und die vielen Frauen, die einfach so ihren Namen wechseln, hat sich mein Bekanntenkreis etwas zerfasert….

  10. @ Kittykoma: Will man nicht. Aber das Leben dieses …
    Aber auch erstaunlich, das man solche Begebenheiten aus der Vergangenheit, wie auch bei Ihnen, niemals vergisst, oder?

    @ Markus: Das ist auch meine Beobachtung. Bei Xing war ich mal, als es noch openBC hieß – schon damals fand man nicht die, die man suchte, aber viele von denen, auf die man auch getrost verzichten konnte. Und ich kenne eigentlich niemanden, dem Xing wirklich die erhofften beruflichen Kontakte/Erfolge gebracht hat, die man sich davon versprochen hat.

    @ Budenzauberin: Ich hatte auch mal einige. Alle auf dem Flohmarkt verscheuert ;)

    @ Bernd: Ja, da wundere ich mich auch ab und an. Man wird geaddet, und wenn man sich mal zufällig begegnet schaut man lieber aneinander vorbei. Menschen sind komisch.

    @ Michael: Freut mich, thx. :)

    @ Markus: Ach, der Polizist. Den hatte ich schon vergessen!

    @ Schlaus: Du hast ja nur Angst, das Dich die Sünden der Vergangenheit einholen *g*

    @ Marco: Braucht man (fast) nicht, würde ich sagen. Ein paar Sachen sind ganz nützlich, gerade wenn man mit Leuten im Ausland in Kontakt bleiben möchte. So lange es nicht zum virtuellen Pimmelvergleich a’la “Ich hab die meisten Freunde” verkommt.

    @ Trillian: Echt, bei Xing? Da finde ich nur die Kontaktaufnahme ewas schwierig, weils ja doch auf Business ziehlt. Und die “zweiklassengesellschaft” Premium-Member und normale Member mag ich nicht.

  11. Guten Tag
    Ihr Artikel ist für blogbibliothek.ch vorgeschlagen worden, und wir würden ihn gerne aufnehmen. Wir haben Ihnen eine Beitrittsanfrage gesandt und würden uns freuen, wenn Sie diese positiv beantworten würden.
    Gruss
    Kurt / Thinkabout

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