Morgen vor heute

Sie kommt meist eine Stunde nach Dienstschluß zu mir. Je nachdem, wieviel auf dem Weg hierher zu tun ist. Um die Zeit bin nur noch ich da, in der letzten Ecke in dem großen Büro. Manchmal löscht sie schon einige Zeit vorher im vorbeigehen vom Flur aus das Licht. Sie ist sparsam, wahrscheinlich von Kind auf an so erzogen, dort im Süden, wo sie geboren ist.
Später erschrickt sie immer ein wenig, wenn Sie mich dann bemerkt. Und entschuldigt sich, das sie mich dort ins dunkel gesetzt hat. Wobei sie genau weiß, das ich das halbdunkel mag, wenn nur die Monitore scheinen und das grelle Leuchtstoffröhrenlicht endlich aus ist.
Sie kommt dann näher, wedelt im gebührenden Abstand um mich rum, lehrt die Papierkörbe. Und dann stellt sie das Datum an dem Wandkalender vor, auf den nächsten Werktag. In ihrer aus Ordnung bestehenden Welt muß das so sein. Für sie gilt nicht die Zeit, in der sie arbeitet, sondern die, in der die Firma brummt. Danach putzt sie noch ein wenig, saugt Staub, dann geht sie weiter. Noch so viel zu tun.

Wenn sie fort ist stehe ich auf und stelle das Datum wieder zurück. Jedes Mal. Es ist ja noch heute. Man soll den Tag ja nicht vor dem Abend loben. Und schon gar nicht morgen beginnen, bevor heute zu Ende ist.

5 Kommentare, Comment or Ping

  1. hachz, schön beschrieben…

  2. Lehrt die Papierkörbe :D Was kann man denen denn beibringen? *scnr*

  3. @ M.One: Thx!

    @ Newty: Nun ja … wer weiß, was zu später Stunde in halbdunklen Büros so vor sich geht?

  4. Und eh…wer stellt den Kalender dann nächsten Tag auf das dann richtige Datum?

    Und: Wozu so ein Kalender? Ich hab vor langer Zeit ziemlich bald aufgehört, bei der jährlichen Kalenderbestellung für mich einen Tischkalender zu ordern. An der Wand hängt einer in A0, Querformat für’s ganze Jahr zum langfristigen Planen…alles weitere macht der Kalender der Groupware auf dem Rechner.

  5. Das weiterschieben des kleinen roten Kästchens über die nächste Zahl regelt am nächsten Morgen der Kollege.

    Und: Da steht ja Wandkalender. So einer mit vier abreissbaren Monatsblättern. Letzter Monat, aktueller Monat und die nächsten beiden darunter. Keine PC-Anwendung kann den Komfort bieten, mal eben mit einem Blick auf die Wand festzustellen, auf welchen Tag nächsten Monat der 16. fällt, oder wann der erste Samstag im November ist. Groupware auf dem Rechner gibts natürlich auch, und auch einen kompletten Jahresplan für die Koordination für Urlaubszeiten, Seminarzeiten, Projektplanungen etc. Aber für den schnellen Blick würde ich auf den Wandkalender nicht verzichten wollen. Der Rechner kann halt nicht alles besser.

    (… und ich hoffe, Lennart kommt auch dieses Jahr wieder mit der eingedeutschten Version von David Seahs Compact calendar – wie letztes Jahr)

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