Verblendung
Großes Kino!
Nach einer Verurteilung wegen Verleumdung steht Wirtschaftsjournalist Mikael Blomquist vor den Trümmern seiner beruflichen Existenz. Um der unangenehmen plötzlichen Berühmtheit zu entfliehen, entschließt er sich, der ungewöhnlichen Bitte des Großindustriellen Hendrik Vanger nachzukommen und übernimmt von diesem einen heiklen Auftrag. Vanger wird seit 40 Jahren vom Mysterium um seine seinerzeit verschwundenen Nichte geplagt. Blomquist soll helfen, Licht in die menschlichen Abgründe der Industriellen-Dynastie zu bringen und die Frage nach dem Verschwinden von Harriet Vanger zu klären. Dabei erhält er unerwartet Hilfe durch die junge, introvertierte Hackerin Lisbeth Salander.
»Verblendung«, Start der (zu Recht) gehypten Millennium Romantrilogie, geht mit einer riesigen Hypothek an den Start. Wann konnte die Leinwand-Adaption eines Thrillers zuletzt überzeugen? Hollywood-Blockbuster wie »Der DaVinci-Code« gerieten zu mainstreamig-poliert, kleineren Produktionen wie Ben Afflecks Regiearbeit bei Dennis Lehanes großartigem »Gone baby gone« oder die französische Umsetzung von Harlan Cobens Bestseller »Kein Sterbenswort« schafften es nicht, Stimmung und Tempo der Vorlagen auf die Leinwand zu transportieren und der aufgebauten Erwartungshaltung gerecht zu werden.
Und dann kommt diese schwedische Produktion daher und zeigt ihnen allen, wie es geht! Regisseur Niels Arden Oplev hat es tatsächlich geschafft, die knapp 700 Seiten aus Stieg Larssons’ Buch in einen zweieinhalb Stunden langen Film zu packen, der derart kurzweilig und spannend verstreicht, das selbst Kinogänger mit einer ausgeprägten Konfimandenblase keinen Gedanken an eine Toilettenpause verschwenden.
»Verblendung« bietet die volle Story des Buches, ohne dabei Handlungsstränge zu kürzen oder aussparen zu müssen. Manche Elemente des Romans werden nur am Rande behandelt (Millennium-Redaktion), sind aber eben dennoch bereits integriert und werden vermutlich in der ab Februar laufenden Fortsetzung gesteigerte Beachtung finden, wenn die bereits eingeführten Protagonisten mehr Raum dafür lassen. »Verblendung« schafft somit letzendlich das, woran sonst so viele Umsetzungen scheitern: Er erzählt mitunter in wenigen Bildern, was der Autor im Buch auf vielen Seiten geschildert hat.
Überhaupt die Bildsprache. »Verblendung« ist ein Film für die große Leinwand, weitab der Fernsehkonventionen des Sonntagabend-Thrillers in ARD oder ZDF. Großformatige Landschaftsaufnahmen, gekonnte Kamerafahrten, aber auch überraschende Perspektiven in authentisch ausgestatteten Detailaufnahmen -die schwedische Produktion spielt in der obersten Liga. Gleiches gilt für die Schauspieler, die von die Handlung tragenden Protagonistenpaar bis hin in die kleinsten Nebenrollen überzeugen. Vielleicht ein entscheidender Vorteil des durchgängig mit Schweden besetzten Ensembles – zumindest mir war keiner der Akteure bislang bekannt. So geht ein jeder voll in seiner Rolle auf, liegt sehr nahe an der im Buch vorgegebenen Charakterisierung und ist im Hirn des Betrachters nicht mit einer anderen Filmperson verknüpft. Michael Nyquist ist Mikael Blomquist und die Naomi Rapace liefert eine Glanzleistung bei der Darstellung der zerrissenen, gedemütigten und doch unbeugsamen Lisbeth Salander.
Im Fazit eine absolute Empfehlung, die von meinen Mit-Kinogängern, welche das Buch zum Teil nicht gelesen haben, uneingeschränkt geteilt wird. Eine sehr spannender, authentischer Thriller mit hervorragender Charakterzeichnung, stellenweise sehr hart, stellenweise fragil, durchweg überzeugend. Absolute Empfehlung in einem für mich bislang bis auf »Inglorious Basterds« eher mageren Kinojahr. Die einzige kleine Schwäche leistet man sich ausgerechnet mit dem Filmplakat, das viel zu sehr nach einem Bill Kaulitz-Biopic aussieht. Bitte nicht abschrecken lassen! (9,5/10)





9 Kommentare, Comment or Ping
alx am 6. Oktober 2009:
danke für den Tipp. Mit deiner Meinung zu den Inglorious Basters gehe ich mit.
Ich werde mir also heute in der Bücherei erstmal versuchen “Verblendung” auszuleihen…
alx
6. Okt. 2009
Nicole am 7. Oktober 2009:
SPOILER
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Zuerst einmal: ich fand den Film auch klasse, wirklich sehenswert!
Aber der Satz ‘»Verblendung« bietet die volle Story des Buches, ohne dabei Handlungsstränge zu kürzen oder aussparen zu müssen.’ stimmt nicht so ganz. Immerhin wurde Harriet mal eben zur Nichte gemacht, obwohl sie eigentlich Henriks Großnichte (heißt das so?) ist. Dann fehlte mir persönlich die Beziehung zwischen Mikael und Erika und auch der Tod von Martin stand so nicht im Buch
Aber das alles tut dem Film keinen Abbruch, er ist super gelungen und die 2,5 Stunden vergehen wie im Flug
7. Okt. 2009
ker0zene am 7. Oktober 2009:
@ Nicole: (ich habe mir erlaubt, Deinem Kommentar eine Spoilerwarnung voran zu stellen
)
Hmm, ich habe gerade das Buch nicht zur Hand – aber als Tochter seines Bruders dürfte Harriet doch wirklich Nichte (statt Großnichte) sein. Wobei das imho nicht ins Gewicht fallen würde.
Ansonsten: Natürlich kann man 700 Seiten Buch nicht 1 zu 1 im Film nacherzählen. Aber es sind eben alle Ebenen vorhanden bzw. alle Protagonisten in die Story eingeführt – eben auch das Millennium Redaktionspersonal inkl. Erika (die in den folgenden Teilen ohne Frage mehr Raum einnehmen wird). Ich halte das hier im Vergleich zu vielen anderen Buchverfilmungen für optimal gelöst. In der Entwicklung des Plots geht der Film jede Wendung mit und erlaubt sich keine unsinnigen Verkürzungen oder gar Abänderungen, wie man es sonst häufig sieht. Und auch der Showdown stimmt für mich. Das marginale dramaturgische Anpassungen vorgenommen wurden, halte ich hier für richtig und absolut zulässig, da die Stringenz der Story und die Abfolge der Ereignisse erhalten bleiben.
@ Alx: Ich tue mich ja sonst sehr schwer mit “mainstreamigen” Empfehlungen – aber hier ist es absolut gerechtfertigt. Viel Vergnügen
7. Okt. 2009
Nicole am 8. Oktober 2009:
Wie gesagt, ich fand den Film wirklich sehr gut und ich bin ehrlich, es ist bis jetzt auch die (für mich) beste Umsetzung eines Buches in einen Film…
Aber… ich hab eben extra nochmal im Stammbaum nachgesehen… Harriet ist die Enkelin von Henriks Bruder – ist nicht weiter tragisch, das stimmt. Ist mir nur im Film aufgefallen weil ich während des Lesens schon dauernd im Stammbaum nachgesehen habe, weil ich mir nie merken konnte, wer jetzt wie mit wem verwandt ist
8. Okt. 2009
sallypoppins am 11. Oktober 2009:
Ich bin (nachdem ich deine Filmkritik gelesen hatte) am Freitag abend völlig übermüdet in die Spätvorstellung von “Verblendung” gewankt, zwar ohne das Buch vorher gelesen zu haben, allerdings mit meiner riesigen Schwäche für skandinavische Krimis im Gepäck, und ich muss zugeben, ich wurde nicht enttäuscht und war dann nach dem Film um irgendwann zwei Uhr morgens auch gar nicht mehr übermüdet.
“Verblendung” hat mir sogar so gut gefallen, dass ich heute morgen vor Antritt einer längeren Zugfahrt in die Bahnhofsbuchhandlung stiefelte um mir den zweiten Teil der Reihe, “Verdammnis”, als Buch zu kaufen und fast komplett durchzulesen. Dummerweise war die Zugfahrt irgendwann zu Ende, weswegen ich jetzt ganz dringend den Rechner runterfahren und die restlichen zweihundert Seiten verschlingen muss.
Vielen Dank für den Tipp!
11. Okt. 2009
off topics am 17. Oktober 2009:
sry, kommt grad in der glotze…auf vox…. k.a wie ich sonst mit dir kontakten soll…
warst du das nicht mit dem trouble wg. nschr.kali ?
auf jeden fall: frau tietjen haelt nix von kaeuflicher liebe.
aber kalli schon. mit porsche und so. aber halt “kalli” wichtig!
nix mit dem schlimmen N-wort. nur so…
17. Okt. 2009
Christian am 15. Dezember 2009:
Klingt schon interessant! Danke für den tollen Tipp, muss den Film unbedingt mal schauen. Bin ja gespannt.
15. Dez. 2009
Flug Los Angeles am 24. Dezember 2009:
Hört sich ja alles sehr vielversprechend an, bin super gespannt.
Habe das Buch erst vor Kurzem gelesen und bin begeistert gewesen. In dem Buch steckt jedenfalls genügend gutes Material für eine geniale Verfilmung und ich hoffe, dass das Potential auch ausgeschöpft worden ist. Hört sich aber ganz danach an, wenn man sich die Meinungen hier mal anguckt
24. Dez. 2009
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