Gruppenzwang ‘09

Irgendwann früher reichte es mal, ein Captain Future-Stickerbuch zu haben, um als cool zu gelten. Später wurde es aufwändiger, man mußte einen besonderen Füller sein eigen nennen, um dabei zu sein. Und die richtigen Turnschuhe tragen, dazu die richtige Jeans und das im Rückblick lächerlich zu große Sweatshirt von einer dieser Skater- oder Surfermarken.

Die Zeiten ändern sich. 2009 ist »in«, wer den aktuell angesagten Schulrucksack von genau diesem einen Hersteller besitzt. Und jenen dann bereits im prä-pubertären Alter schon Altherren-mäßig hinter sich her zieht.

Macht im vorliegenden Fall  eine vierstimmige Kakophonie in KLACK, TSCHUCKKK, RÖDDELRÖDDELRÖDDELRÖDDELRÖDDEL.
Erst recht auf Kopfsteinpflaster.

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Morgen vor heute

Sie kommt meist eine Stunde nach Dienstschluß zu mir. Je nachdem, wieviel auf dem Weg hierher zu tun ist. Um die Zeit bin nur noch ich da, in der letzten Ecke in dem großen Büro. Manchmal löscht sie schon einige Zeit vorher im vorbeigehen vom Flur aus das Licht. Sie ist sparsam, wahrscheinlich von Kind auf an so erzogen, dort im Süden, wo sie geboren ist.
Später erschrickt sie immer ein wenig, wenn Sie mich dann bemerkt. Und entschuldigt sich, das sie mich dort ins dunkel gesetzt hat. Wobei sie genau weiß, das ich das halbdunkel mag, wenn nur die Monitore scheinen und das grelle Leuchtstoffröhrenlicht endlich aus ist.
Sie kommt dann näher, wedelt im gebührenden Abstand um mich rum, lehrt die Papierkörbe. Und dann stellt sie das Datum an dem Wandkalender vor, auf den nächsten Werktag. In ihrer aus Ordnung bestehenden Welt muß das so sein. Für sie gilt nicht die Zeit, in der sie arbeitet, sondern die, in der die Firma brummt. Danach putzt sie noch ein wenig, saugt Staub, dann geht sie weiter. Noch so viel zu tun.

Wenn sie fort ist stehe ich auf und stelle das Datum wieder zurück. Jedes Mal. Es ist ja noch heute. Man soll den Tag ja nicht vor dem Abend loben. Und schon gar nicht morgen beginnen, bevor heute zu Ende ist.

Got milk


[Lies alles]

Achim.

Achim kam zum Winterhalbjahr der fünften in die Klasse. Ein schmaler ausgemergelter Junge mit LSD-inspirierten Strickpullovern und aschblonden Schnittlauchhaaren. Heute würde man sagen: »Der junge Cobain!«, damals sagte man »Was’n Asi.« Was primär an Achims fortwährender Pfurzerei lag, sowie an seiner Unfähigkeit, mit geschlossenem Mund zu kauen. Nicht sehr appetitlich, gerade wenn die Mama einem nur Blutwurst aufs Pausenbrot legt. Weil er auch kommunikativ nicht viel mehr hergab als ein autistischer Maulwurf, tat Achim sich mit Freundschaften schwer.

Nach ein paar Monaten, ich hatte kaum jemals ein Wort mit ihm gewechselt, lag eine liederlich gebastelte Geburtstagseinladung im Briefkasten. Pech gehabt, Achim wohne nur zwei Straßen weiter. In einer Art missionarischem Integrationseifer hatte seine Mutter einfach ins Blaue hinein paar Jungs aus aus der Nachbarschaft eingeladen, unter anderem den mittleren der berüchtigten Krämer-Brüder und ›Bulli‹ Wulfke, der zwei Jahre älter war als wir und später eine achtbare Mofaknacker-Karriere absolvieren sollte.

Ich konnte es nicht verhindern – auch ein kurzfristig simulierter Oberschenkelhalsbruch half nichts – meine Mutter kaufte den neuesten ›Pitje Puck‹ und zwang mich zur Teilnahme an der Party. Ich kam etwas zu spät und landete in einer Geburtstagsgesellschaft, die sich in der Wohnküche um die traurige Imitation einer Sahnetorte versammelt hatte. Die Stimmung war nur wenig gelöster als im weißen Haus zur Zeit der Kuba-Krise. ›Bulli‹ Wulfke und der dicke Kröger machten die Sache mit der Torte unter sich aus, wobei Kröger seinen Anteil später wieder ins Treppenhaus kotzen sollte. Danach sollten wir ein wenig spielen, was sich schwierig gestaltete, da Achim schlichtweg keinen einzigen Plastiksoldaten und nur eine läppische Knallplättchenpistole besaß. Aus Verlegenheit kickten wir eine halb-platte Lederpille über den Hof, wobei Ralf Krämer erst zwei Schiefertafeln vom Garagenfirst schoss und anschließend einen Steckschuss in Achims Bauch landete, was gleichzeitig dessen einzige Ballberührung darstellen sollte.

Nach überstandenen Notfallmaßnahmen lud Achims Vater uns in einen alten VW-Transporter und fuhr die ganze Baggage in den Wald, wo eine Runde Schnitzeljagd gespielt werden sollte. Krämer und der lange Wentker aus der Reihenhaussiedlung wählten die Mannschaften, bezeichnenderweise wurde Achim als letzter verteilt, unter vernehmlichen Stöhnen des mit ihm gestraften Teams. Die Schnitzeljagd war ähnlich uninspiriert vorbereitet wie die gesamte Party, es ging über lichte Wege, was uns schnell langweilig wurde, weshalb wir Umwege durchs Unterholz einlegten und ›Bulli‹ Wulfke es für sinnvoll erachtete, einen Hinweis für die nachfolgende Gruppe auf dem Dach des rostigen Wracks eines alten Treckers zu hinterlassen, den jemand am Waldrand abgestellt hatte.

Eben beim abholen dieses Hinweises, was die Gruppe generös Achim überlassen hatte, fiel jener so gekonnt vom Dach des Treckers, das er sich sein schmächtiges Oberärmchen auf ganzer Länge mit der rostigen Metallkannte aufriss. Er rappelte sich im Gras auf, guckte erst verwirrt und fiel dann ohne einen weiteren Laut in Ohnmacht. Wentker und ich wetzen los und holten seinen Vater zur Hilfe, der Achim sofort ins Krankenhaus fuhr uns uns restliche erst knapp eineinhalb Stunden später am Wald abholte. ›Bulli‹ Wulfke und Ralf Krämer hatten währenddessen den Grill angezündelt und auf 12 Würstchen einen guten Liter Spiritus verbraucht. Ich bin rückblickend nicht sicher, ob Krämer nicht auch noch einen Schuss davon in seine Cola getan hatte.

So endete die Party recht abrupt und ohne nennenswert positive Auswirkungen auf Achims Integration ins Nachbarschafts- und Klassengefüge, als dieser ein paar Tage später mit bandagiertem Arm wieder auftauchte. Monate später trat sein Vater wieder eine neue Stelle an und die Familie zog ins Rheinland. Ich hab Achim nie wieder gesehen oder was von ihm gehört.

Bis er mich heute bei Facebook geaddet hat.

Katja

»Hi, wie gehts? Lange nicht gesehen. Ich warte grad mal nen Moment hier, die Schlange ist mir zu lang.«

Es gibt die Momente, in denen man einfach ungestört sein will. Etwa, wenn ich mich ab und an niederen Gelüsten hingebe und einen Burger beim amerikanischen Filialisten verspeise. Man sitzt dort ein paar Minuten lang mit leerem Blick an viel zu kleinen Tischen, auf dem die Ellenbogen neben dem Tablett noch kaum Platz finden. Das sind nicht die Momente, in denen ich Konversation führen möchte.
Sie läßt sich davon nicht beeindrucken, redet wie aufgekratzt weiter.

»Sorry, wenn ich so viel quatsche. Ich hab gerade eine alte Bekannte getroffen, wir hatten ein paar Sekt. Hab nen bisschen einen drin.«
Es ist Mittag, kurz nach eins.

»Ich hab Dich neulich schon mal irgendwo gesehen. Da hab ich noch zu meiner Bekannten gesagt: ›Das ist bestimmt auch einer, bei dem die Freundin richtig ran muß. Oder ganz im Gegenteil, einer der total unter dem Stiefel steht.‹«
»Äh … wie kommst Du darauf?«
»Weiß nicht. Dachte ich so. Was machst Du so? Ich hab ein paar Mal den Job gewechselt. Zu viel Gerede in meiner Branche, stehe ich gar nicht drauf. Ist aber überall das selbe. Hab dann auch mal alles runtergefahren. Burn out. Ich bin da schon seit Jahren in Behandlung. Mußte erst mal lernen, alles loszulassen und runter zu kommen. Aber die ersten beiden Therapeuten waren Idioten.«
»Aha …«
»So langsam komme ich wieder klar. Hatte ein paar Abstürzen. Hat leider auch Spuren hinterlassen.«
Sie deutet auf die Stirn, über die sich eine mehrere Zentimeter lange Narbe zieht.

»Oh Kacke! Die beiden da, an der rechten Kasse. Das sind Ex-Kolleginen von mir. Ey, nee, auf Firmentratsch hab ich jetzt so gar keinen Bock. Sorry, ich hau ab.«

Katja. Sie wird jetzt Mitte dreißig sein. Vor 15 Jahren, als ich nur hin und wieder in der Stadt war, hatten wir mal ein paar Dates. Seitdem habe ich sie kaum noch gesehen. Damals verstanden wir uns gut. Bis zu dem Abend, als ihr auf einer Techno-Party die Pillendose herunter fiel. Das sie ab und zu eine Ecstacy schmiss, geschenkt, … vielleicht.
Aber nie werde ich vergessen, wie sie völlig hysterisch auf den Knien über die Tanzfläche durch den überfüllten Club rutschte, um zwischen den Beinen der Tänzer die Ecstacytabletten einzusammeln.

Mach doch mal wieder was mit …

Mein Medienberater hat plötzlich jede Menge Zeit für mich. Vorletzte Woche hat er bei Frau Schickedanz in den Sack gehauen und bei der SPD sieht er seine Kraft auch verschwendet.
»Ich brauche mehr Realismus in meinem Leben und ein Ziel, für das es sich einzusetzen lohnt …« sagte er zu mir, als er sich heute morgen einen Kaffee einschenkte und ungefragt die selbstgedrehte ansteckte. »… wir müssen für Dein Blog mal wieder was tun.«
Ich guckte groß und langsam, früh am Tage bin ich ja eher misanthroph veranlangt und arg gesellschaftsscheu. »Jezz echt! Mal wieder ein paar knackige Jugendsünden. Oder irgendwelche Skandale! Schlüpfrige Geschichten, da geht doch was, ich kenn Dich doch …« knuffte er mich an die Schulter und grinste mit einem halb zugekriffenen Auge in dieser grenzdebilen Art an, die so richtig überzeugend eben nur von Brotlos-Artisten seines Schlages beherrscht wird.
»Wie war das noch, damals mit den 2.800 Mark, oder die Sache im KitCa …«
»Halts Maul!« reichte es mir. »Mir fällt grad halt wenig ein. Und wenn das so ist, dann ist das so in Ordnung. Kein Stress verdammt , ok?«
»Is gut, is gut, alles easy.« beschwichtigte er, nahm einen Schluck und stellte den noch halbvollen Becher wieder ab. »Ich muß eh weiter. Hab auf dem Handy grad getwittert bekommen, das der Schreiber im Anflug ist. Da gibts bestimmt Arbeit für mich.« Ich gucke ihm den Flur entlang hinterher und hörte gerade noch »…, und denk’ über mein Angebot nach. Wenigstens die Reise-Geschichte sollteste fertig machen. Oder mal wieder was mit Katzen, das zieht immer …« bevor die Tür ins Schloß fiel.

Hmnja …

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Stets unverdrossen

Der dem Menschen ureigene unerschütterliche Glaube daran, das letztendlich irgendwann doch einmal »alles gut« werde, manifestiert sich womöglich nirgendwo deutlicher als in der Tatsache, das die Autofahrer hier in einem fort weiter tapfer auf die beiden seit Stunden bis auf den letzten Platz voll belegten Parkplätze steuern.

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