Gestern abend war ich einkaufen. Als ich meinen Kram im Wagen hatte stand ich vor den Zeitungsregal, auf Höhe der Sportzeitschriften. Im Laden meiner Wahl sind sie nicht so fix mit dem Einräumen, dort stand noch die letztmonatige Ausgabe der 11 Freunde. Das Magazin muß man lieben, allein schon wegen Geschichten wie ›Cup der guten Hoffnung‹ (zur WM 2010 in Südafrika) und der Erläuterung, warum kein Bundesligist jemals Lothar Matthäus als Trainer verpflichten wird. Direkt daneben lag, in aktueller Ausführung, das wöchentliche Sport-Elaborat des Springer-Verlages aus.
Das ist in dieser Woche doppelt so dick wie gewöhnlich, weil das neue Panini-Sammelbuch mit darin pappt. So ein Panini-Sammelbuch hatte ich auch einmal. 1982 wurde ich, noch nicht neunjährig, vom Fußball gepackt. Es war WM in Spanien, Deutschland verlor in der Vorrunde gegen Algerien, lieferte sich gegen die Österreicher die Schande von Gijon, Torwart Schumacher knockte im dramatischen Halbfinale in der Nacht von Sevilla den Franzosen Battiston aus, und am Ende verlor man das Finale kläglich 1:3 gegen Italien.
Ich fieberte erstmals bewußt vor dem Fernseher mit, stopfte mich mit Schokoriegeln und Haselnußwaffeln voll (da waren ja auch Sammelbilder drin, nur andere) und erwarb – eine meiner schlimmeren Jugendsünden – meine erste Vinyl-Single: Michael Schanze und die deutsche Nationalmanschaft – ›Ole Espana!‹.
Zwei Monate nach der WM begann die neue Bundesliga-Saison. Und ich erwarb mein erstes Panini Sammelalbum.
Damals war das eine Sache des Gruppendrucks. Jeder Junge in der Klasse hatte so ein Album, und wir wetteiferten, wer am meisten Bilder und die besten Spieler drin kleben hatte. Fast das gesamte Taschengeld ging für die kleinen Tütchen mit vier oder fünf Bildchen drauf, die es für (ich glaube) 25 Pfennig gab. Ich bekam nicht wirklich viel Taschengeld, wollte aber an der Klebebildchenfront ganz vorne mitmischen. Was tun? Wochen zuvor war meine Tante Trude Irmgard aus Buxtehude zu Besuch gewesen und hatte – freigiebig, wie Sie als vermögende Architektenwitwe war – einen Fünfziger in meiner kleine Plastikspardose versenkt. An diesen Schein wollte ich heran.
Gemeinsam mit meinem Kumpel Dirk versuchte ich, das Ding zu knacken. Mit aufgebogenen Büroklammern, Küchenmessern, Schraubendrehern und Drähten, wir probierten all die Tricks, mit denen die Jungs im Fernsehen im nullkommanix ein Schloß knackten. Nichts funktionierte. Letztendlich verfiel ich auf meine bis heute bewährte (na ja …) Eskalationsstrategie: Erst mal machen, danach kann man immer noch an die Folgen denken! Ich sprang also vom Schreibtisch mit voller Wucht auf die Dose, legte mich dabei kapital aufs Maul und verstauchte mir den Knöchel – aber die Spardose war auf. Nur das Ergebnis zählt!
Wir entfalteten ehrfürchtig den Fünfziger, setzten die zersplitterte Spardose notdürftig mit Modellbaukleber wieder zusammen und gingen einkaufen. 100 Päckchen Sammelbilder für mich, 40 Päckchen für Dirk, dazu eine Bravo, eine Popcorn und eine Pop-Rocky (Zeitschriften, gibt es die noch?). Für den Rest Cola und Süßigkeiten bis zum abwinken. Wieder zu Hause klebten wir die Bilder in unsere Alben, tauschten Dubletten aus und tranken uns in einen Cola/Zucker-Rausch. Abends lag ich glücklich im Bett, war doch mein Sammelalbum jetzt das bei weitem am besten bestückte im gesamten dritten Schuljahr. Hätte alles ganz toll sein können, wenn nicht meine Mutter am nächsten Tag die Zeitschriften gefunden hätte. Und – wie Mütter nun einmal sind – natürlich schlug sie in der Bravo automatisch die Dr. Sommer Seite auf, auf welcher 14- und 15jährige von ihren Problemen beim Petting berichteten. Natürlich fehlten auch die entsprechenden Abbildungen nicht (… was mich seinerzeit nicht die Bohne interessierte. Mit acht bis neun Jahren war das alles eklig.). Es gab ein Riesen-Donnerwetter und ich kam in arge Erklärungsnot, woher denn das Geld käme, ich hätte doch nicht etwa gestohlen? Ich sah mich genötigt, Farbe zu bekennen und gestand den frevelhaften Spardosenbruch. Meine Mutter ging postwendend mit mir zum Laden, damals der einzige in halbwegs erreichbarer Entfernung, und verfügte, das mir dort nichts mehr verkauft wurde – jedenfalls nicht, wenn ich mit größeren Scheinen antanzen sollte. Das Panini-Buch wurde zeitweilig konfisziert, was mich weitaus mehr schmerzte, konnte ich doch nun nicht mehr damit angeben.
Irgendwann bekam ich es natürlich zurück und irgendwann fehlten mir noch genau 21 Bilder. Der Verlag bot schon damals den Service an, das man fehlende Bilder per Post bestellen konnte, allerdings jedes nur einmal. So bestellte ich die letzten 21 fehlenden. Als Wochen später der fiebrig erwartete Umschlag in der Post lag, traf mich fast der Schlag – sie hatten ein falsches Bild dazu sortiert! Somit fehlte mir immer noch ein einziges.
Ich schrieb, halb sauer, halb bettelnd einen weiteren Brief und bekam kurz darauf noch einmal Post: Der letzte Sammelsticker. Der letzte Stein im Mosaik, der letze Schliff, die letzte Politur, das Tüpfelchen auf dem i, die Vervollständigung meines Sammelalbums: Das Bild von …
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