Missile launched

Dieses Gefühl, einen Brief abgeschickt zu haben, der einschlagen wird wie eine Bombe. Der Moment, in dem man losläßt, wenn der Umschlag tonnenschwer in den Postkasten rutscht und die Dinge ihren Lauf nehmen. Der letzte Akt nach allem grübeln, formulieren, nachdenken. Unbeeinflußbar, unumkehrbar. Mund auf und Druckwelle erwarten.

Immer wieder zieht die Spiegelung Deines Lächelns auf der Windschutzscheibe an mir vorbei.

Und ich werde Dein Notarzt sein,
wenn Du nur mein Unfall bist.
Ich werde Dein Schrei und der Aufprall sein,
wenn Du mein Gips und der Verband sein willst.
Und werde Dein »Nur noch ein einziges Mal!« sein,
während Du meine allerletzte Chance sein wirst.

Von den leiseren Tönen

(Das hier war eigenlich mal als Kommentarerwiederung zu dem Beitrag zwei unter diesem gedacht. Steht aber auch irgendwie für sich – und deswegen jetzt hier.)

Ich versuche hier, nach Möglichkeit irgendwie authentisch zu bloggen. Das was ich denke, was ich fühle, was sich sagen möchte. Das ist in letzter Konsequenz nicht immer möglich, weil einiges anonymisiert werden muß. Und es ist natürlich – speziell bei den Tankstellengeschichten und einigen anderen – manchmal stark überspitzt und ironisch formuliert. Und das ist an anderer Stelle manchmal ganz leise und zweifelnd, wie das eben bei jedem mal so ist. Ich schreibe das dann bisweilen auf, manchmal auch nicht und dann steht es hier, eine Momentaufnahme. Manches ist schnell vergessen, manches kehrt wieder, manches begleitet einen ein halbes Leben lang.

Für mich ist das ein Prozess der Verarbeitung und Reflektion meines Lebens und meiner Gefühle, eine Art, damit umzugehen (neben anderen). Mitunter entzündet sich genau daran ja die Kritik an Blogs – das Gefühle und Gedanken privater und innerster Natur (die eben deswegen von außen nicht immer komplett nachvollzierbar sind) veröffentlich werden. Diese Kritik ist mir im Grunde egal, denn es ist mein Blog, in dem steht was ich denke und fühle, und wenn es dann eben mal in einer besonders dunklen Stunde war, dann ist es halt so. Da gibt es für meine Begriffe kein richtig und kein falsch. Und ganz egal, wie zufrieden man mit sich ist, egal wie selbstbewußt und stark man ist – niemand ist das immer und jederzeit. Ich auch nicht, trotzdem möchte ich mit niemandem auf der Welt tauschen. Und deswegen stehen hier manchmal Sachen mit bedrücktem Unterton, weils halt auch ein Teil des Lebens ist. Ohne das das deswegen seziert werden muß, ohne das es ein »Fishing for compliments« a’la »Ich schreib wie scheiße ich bin, nehmt mich bitte in den Arm!« ist.

Es ist einfach nur wie es ist, meine Art zu denken und der simple Ansatz eines Versuches, ein Gefühl, eine Stimmung, einen Gedanken, die Melancholie eines Augenblickes, die dunkle Einsamkeit mancher Tage oder den flüchtigen Sinneseindruck eines vorbeiziehenden Duftes zu beschreiben. Irgendwie. Es ist mein Versuch von Lyrik. Hey, sie haben mich früher nie in die Poesiebücher schreiben lassen, weil meine Klaue so krakelig ist (und ich – das eine Mal als ich durfte – einen achtseitige Endzeitstory aus den ersten Voivod-Alben aufschrieb)! Ich muß das verarbeiten ;) .

Mir gibt es was, indem ich es schreibe (… auch wenn es nie, nie perfekt ist und man es immer besser hinbekommen will). Und ich freue mich, wenn ich merke, das es dem ein oder anderen Leser gefallen hat, oder sie/ihn zum Nachdenken angeregt. Oder zur Kritik, wie auch immer. The way things go.

Februar Juli November

Frag nicht nach morgen,
denn er bleibt dir verborgen,
frag nicht was gestern war.

Irgendwann im November – ob du es willst oder nicht
Irgendwann im November – ob du es willst oder nicht
Irgendwann im November
werden wir uns nicht mehr sehn.

(Juli – »November«)

Das ist vielleicht irgendwann mal im Februar gewesen. Diesem dunklen Gesellen von einem Monat, von dem BAP mal gesungen haben »‘t blieht länger hell jetz – obwohl: ‘t ess immer noch Februar«. Und dennoch – wenn der November schon ein depressiver Monat ist, ist dann nicht der Februar sein häßlicher, buckliger Verwandter, den man tief unten im Keller vor der Nachbarschaft versteckt?

Das ist also auf einer Kreuzung gewesen, in einer der endlosen Rotphasen am Sonntagnachmittag, von der keiner weiß, was die Verkehrsplaner sich dabei gedacht haben. Weil: Keine Autos weit und breit, außer dem, das da steht. Okay, wenn jetzt der Becker Boris gekommen wäre, ein Netz gespannt und ein Match bestritten hätte – dafür wäre gefühlt die Zeit gewesen. Aber so bekifft können eigentlich nicht mal die Ampeleinsteller im ostwestfälischen sein. Wo doch jeder weiß, das der Boris nur im warmen spielt und sowieso Miami und nur noch mixed, aber das gehört auch gar nicht hier hin.

Also rot und Februar und Regen auch noch. Gar nicht viel, mehr so ein Zwischenregen. Zu viel für die Intervallschaltung beim Scheibenwischer, und zu wenig für die niedrigste Stufe im Dauerbetrieb. Und deswegen schrubbt der Scheibenwischer dann so übers Glas, weil im Zweifel möchte man dann doch was sehen, gerade nach vorne heraus, das macht sich beim Autofahren ganz gut, Scheibenwischer-Dauerbetrieb also. Aber die Tropfen, die sich da trotzig breit machen und doch gleich wieder weggewischt werden, die reichen dem Wischarm nicht zum lautlosen gleiten. Deswegen schrubbt und krunscht der so daher, monoton und – ganz egal was man hört – nie im Takt zur Musik aus dem Radio. Eine Marktlücke eigentlich, denkt man sich. Da verkaufen sie im Fernsehen seit Jahrzehnten unsägliche CD-Sammlungen, »County-Hits«, »Classic soft rock« und »Hallo, ich bin Bobby Vinton, seit 40 Jahren im Geschäft und das sind die Songs meiner Generation – Sounds of the sixties«, aber das da mal einer Musik anbietet, die einfach nur im Takt zum Scheibenwischer läuft? Keine Spur. Ein Vermögen könnte man damit machen, für jedes Modell, ja für jede Baureihe könnte man eine andere CD anbieten, schließlich sind Scheibenwischerintervalle mindestens genauso wenig einheitlich wie Staubsaugerbeutelformate. Aber da kommt wieder keiner drauf.

Und deswegen schrubbte auch hier der Scheibenwischer sozusagen am Song vorbei. Es lief Juli, November. Im Februar. Also jetzt in der Reihenfolge Band, Titel, Monat, nicht das da Verwirrung entsteht. Manchmal bringt das Radio solche Kombinationen fertig. In dem alten roten Golf war so eine komische Stimmung, wie sie wohl im Februar in endlosen Ampelphasen und bei leichtem Regen entsteht. Mit ein paar weiteren Zutaten. Denn beim Umzug ein paar Wochen vorher, da wollten sie ganz schlau sein, das Ceranfeld und die Edelstahl-Dunstabzughaube lieber schonen, also nicht in den Möbelwagen sondern besser auf der Rückbank vom Golf transportieren. Und dabei ist dann natürlich altes, ranziges Fett aus der Dunstabzughaube gelaufen und ins Polster auf der Rückbank gekrochen, so ein Fett folgt halt auch nur den Regeln der Physik. Das hat dann ein wenig gerochen, und man konnte das auch nicht abwaschen, das Fett saß in der Tiefe, quasi subkutan unter der Haut der Rückbank im Schaumstoff. Und das Fett in der Tiefe geht am schwierigsten weg, da fragen Sie mal einen abnehmwilligen Übergewichtigen, was der Ihnen erzählt! Also jetzt immernoch, Monate später, den Fettgeruch im Wagen, nicht viel, aber fällt doch auf, gerade wenn man die Heizung anmacht und die Wärme dann langsam nach hinten kriecht. Das Auto war ihres, also Frauenauto, wo ja doch das Reinlichkeitsbedürfnis ein ganz spezielles ist, wenn es denn mal nicht gerade um das mit Schminkutensilien und leeren Zigarettenpackungen zugemüllte Handschuhfach geht. Sie deswegen zu der Zeit immer latent schlecht gelaunt, wenn in den Wagen eingestiegen. Wegen dem Geruch. Und er hat sich kaum was zu sagen getraut, weil Tanz auf dem Vulkan und so, also gerade an so Sonntagen im Februar dann, und depressives Wetter und endlose Ampelphasen undundund.

In dieser Monotonie irgendwo in der Mitte der Ampelphase hat er sie dann leise singen gehört. Mitsingen, bei dem Song von Juli. November. Ganz leise und quasi gedankenversunken hat sie da gesungen. Und er saß daneben, ganz rechts auf dem Beifahrersitz und fragte sich, warum sie jetzt immer nur bei den traurigen Liedern mitsingt. Zu sagen oder fragen getraut hat er sich aber nichts, weil da hat er sich mal eine ziemlich blutige Nase geholt, als er gesagt hat, das sie nicht singen kann. Das war natürlich einer der größtmöglichen Fehler, die man(n) machen kann, einer Frau zu sagen, sie könne nicht singen. Man kann meinetwegen behaupten, sie könne nicht kochen und da sagt sie schlimmstenfalls trotzig, das sie eben emanzipiert wäre und im Beruf stünde und nicht kochen können müsse und überhaupt, er könne es ja nicht besser. Oder man behauptet, sie könne nicht autofahren, dann wird sie zwar sauer und fährt für die Tour mit dem Messer zwischen den Zähnen weiter, aber das ist dann auch irgendwann wieder vorbei. Ja, sogar die Beischlafqualitäten könnte man vielleicht vorsichtig kritisieren, aber das machen die Kerle dann wiederum nicht, weil sie eine retournierende Kritik an der eigenen Leistung nicht verwinden könnten, da sind sie dann alle gleich, deswegen bleibt dieses Beispiel eher theoretischer Natur.

Nur, einer Frau zu sagen, sie könne nicht singen, das trifft sie ins Mark. Weil das verletzt. Vielleicht, weil das singen so elementar ist. Dafür brauchst du nicht viel, dafür kann man auch nichts dazukaufen. Das singen bist du selbst. Der Bohlen, der wird mal im schlimmsten Feuer der Hölle brennen, weil er so vielen Frauen gesagt hat sie könnten nicht singen. Ob er Recht hat oder nicht spielt dabei überhaupt keine Rolle, man sagt das einfach nicht. Das ist so eine Grundregel, die stand schon lange fest, da wußte der Moses noch gar nicht, das er eines Tages mal Steintafeln vollkritzeln wird. Jetzt muß man zu seiner Verteidigung sagen (also jetzt nicht zu der Verteidigung vom Bohlen, der ist eh nicht mehr zu retten, sondern zu der Verteidigung von ihm da vorne auf dem Beifahrersitz), das er das mit dem »Du kannst nicht singen« ja nicht wirklich so gemeint hat. Wunderbar singen konnte sie sogar, hat er sich erinnert. Wenn sie ganz leise die kleinen Kinder von der Nachbrin in den Schlaf gesungen hat, da hätte er stundenlang zuhören können. Aber wenn Sie sonst gesungen hat, dann immer nur bei den traurigen Liedern. Das ist vielleicht auch so ein Ding, zwischen Frauen und Männern. Die Männer mögen die traurigen Lieder nicht richtig. Jedenfalls nicht die, wo nicht wenigstens am Ende noch ein bisschen die Post abgeht. Nicht die, die nur traurig sind. Die Frauen aber, die können sich in traurigen Lieder verlieren. Und dieser Unterschied hat vermutlich schon für mehr Ärger gesorgt als alle hochgestellten Klobrillen der Welt zusammen. Er also hat ihren Gesang schon gemocht, nur ertragen können hat er es nicht, wenn sie immer nur die traurigen Lieder mitsang. So sind die Kerle. Eine Frau singt ein trauriges Lied, und sie reflektieren das auf sich. Und sie hat jetzt »November« von Juli mitgesungen oder, wie er sich erinnerte, damals das »Goodbye my lover« von James Blunt, was ihm beinahe das Herz zerrissen hat, weil, so ein Text aus ihrem Mund, ganz schlimm.

Und ganz am Anfang damals, da fand sie das »If i could turn back the hands of time« von R.Kelly so toll. Da wußte er noch nicht, das sie nur die traurigen Lieder mitsingt. Und weil sie das Lied so mochte, da hat er ihr die CD geschenkt, und teuer dafür bezahlt. Weil, an dem Abend, da er ihr die gab, da hat sie die natürlich eingelegt, in ihre kleine graue Microanlage von Tchibo. Und auf Titelwiederholung gestellt. Und sie lagen dann auf dem Sofa, also ganz gesittet noch, weil ja beziehungstechnisch noch viel zu frisch für Schweinereien, und haben zugehört. So drei vier Mal hätte er es ja noch verkraftet. Aber sie haben es bestimmt zehnmal gehört, und es hat ihm sogar gefallen, wie sie leise den Text mitsang. Bis sie dann eingeschlafen ist, auf ihm, in seine Arme gekuschelt. Und er, frisch verliebt, was denkst Du denn, hat sich nicht zu rühren gewagt, weil, er wollte sie nicht wecken. Hätte er Angst gehabt, sie schickt ihn nach Hause, ganz am Anfang eben, frisch ein paar Tage zusammen, noch nix mit beeinander übernachten, wo denkst Du hin. Und der Moment so magisch, so schön, sie da auf dem Sofa, in seinen Armen schlafend, wenn, ja wenn der R.Kelly nicht im CD-Player unablässig weiter seine Runden gedreht hätte. Weil, Du kennst Frauen, Fernbedienung immer unerreichbar oben auf der Anlage oder dem Fernseher abgelegt, da hat der Mario Barth ja Recht. Er rührte sich also nicht, die Anlage lief weiter, »If i could turn back the hands of time«, LP-Version mit 6 Minuten 18 Sekunden, das Ganze knapp 61 Mal von halb eins in der Nacht bis zum nächsten Morgen gegen sieben, wo sie dann wachgeworden ist. Da war er dann quasi schon hypnotisiert, von dem opal-türkisen Display der Anlage, in dem er nur noch die Sekunden des Liedes mitgezählt hat. Er hat ja auch nicht wissen können, also da noch nicht, das sie schlief wie ein Stein und er sie auch hätte ins Bett tragen können, ohne das sie wach geworden wäre. Zur Not auch durch die halbe Stadt in sein Bett, also rein hypothetisch, gemacht hätte er das ja nicht, von wegen anständiger Kerl, aber wach geworden wäre sie auch nicht. Nur mit dem R. Kelly, mit dem brauchst Du ihm seitdem nicht mehr kommen. Das der später Ärger mit dem Gesetz bekam, also das hat ihn nicht gewundert. Er wußte längst, wozu der Kelly fähig ist.

Und dann, dann ist irgendwann tatsächlich noch Grün gekommen. Also, jetzt wieder im Februar. Irgendwann kommt immer grün.

Stecker raus

Dieser Beitrag noch, dann wird der PC ausgeschaltet, das Modem aus der Wand gestöpselt und zusammen mit den letzten beiden Kartons, die hier von mir noch stehen, in den Wagen geladen. Gleich noch das Klingelschild abschrauben, auf dem immer noch zwei Namen stehen, von denen der eine gerade emotionslos und mit Spaß in den anderen Räumen eine Horde mir nicht bekannter Helfer dirigiert, die das, was mal mein Zuhause war, ausweiden und unten in den LKW stopfen. In meiner Brust ein schwarzes Loch in einer schweren Stahlklammer (… ich bin per Mail von jemandem darauf hingewiesen worden, das der melancholische Kram hier bisweilen nervt. Dumm gelaufen. So ist es halt.) So gehen 6 Jahre zu Ende und ich für ein paar Wochen auf die Couch bei einem Freund. Keine Ahnung, wann es wieder Internet gibt, keine Ahnung, wann die neue Wohnung fertig ist (es gibt neue Komplikationen, aber keine Nerven mehr, um noch davon zu berichten). Bis die Tage, ich komme wieder.

Eine letzte Nacht

(Klick zum vergrößern)

Noch eine letzte Nacht in dieser Wohnung. Noch eine allerletzte Nacht in dem Rattanbett, das ich eigentlich nie mochte. Und in dem ich trotzdem über fünf Jahre so gut schlief. Noch einmal beim Aufstehen die Schulter vermissen, hinter der so oft der weite Horizont lag. Vielleicht noch einmal ein tiefer Traum und im Moment des Wachwerdens für Sekunden die Illusion, alles wäre ok.

Mitten im Strom

Und dann sind da die Momente, in denen das Leben sich anfühlt wie die Linksabbiegerspur. Eigentlich grün und freie Fahrt, aber jede Menge Gegenverkehr. Und so stehst Du da, mit der Schnauze halb auf der Kreuzung und den nächsten schon hinter Dir im Nacken, während das blitzende Blech Dir nur so um die Ohren fliegt.
Weiter links, da haben die Füßgänger grün, gehen langsam über die kreuzende Straße an Dir vorbei. Für den Fall, das Du jemals weiter voran kommen solltest warnt dich schon das Blinklicht in Gelb, pass auf, wer sich da am Rande des Blickfeldes tummelt! Und Vorsicht bei den Lichthupen, wenn die Lawine vor Dir ins stocken gerät und Dir signalisiert, das Du deinen Arsch nun aus der Gefahrenzone schieben kannst. Sind welche dabei, die nur darauf warten, Dir in die Seite zu krachen. Und Du bist nie versichert. Hier nicht.

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