Zerrissen

Manche Sachen kann man sich ja gar nicht vorstellen. Ich erlebe das täglich. Dinge, von denen Du hörst und dann denkst: »Das gibts doch gar nicht!«. Meist geht es dabei um die kleinen Absurditäten des Alltags, bizarres Treibgut aus den Untiefen von Dummheit und Ignoranz, das an die Oberfläche gespült wird. Sachen die mir hier an guten Tagen im Hauptjob durchs Telefon entgegenschlagen. Man merkt das besonders, wenn es mal ein paar Tage am Stück etwas wärmer ist. Hey, nur mit Mühe konnte ich heute Morgen einen Kunden überzeugen, das sein einziges Problem bei der Passworteingabe die Caps-Lock Taste war. Aber solche Dinge sind eine große Hürde für Helden, die weiße Seiten faxen, weil sie sich nicht mal merken können, ob das bedruckte nun oben oder unten ins Gerät muß (… am DVD-Rom Laufwerk im Rechner dort klebt immerhin schon ein Aufkleber »Silberne Seite: Unten!« Ich habs selbst gesehen.).

Was man sich auch kaum vorzustellen vermag ist, an die Tankstelle zu fahren. Ok, bei den Preisen im Moment eigentlich eh nicht mehr. Aber das ist ein anderes Thema. Man kann sich also nicht vorstellen, zur Tankstelle zu fahren. Dort zu tanken. Zu vergessen, die Zapfpistole wieder in die Säule zu hängen. Zu vergessen, zu bezahlen. Einfach wieder loszufahren, ganz in Gedanken. Kann man sich nicht vorstellen.

So was gibts aber!

[Lies alles]

Das Tollpatsch-Gen

Ich kann mich noch an den Kunden erinnern, der vor einigen Monaten an einem stressigen Sonntag abend nach einem Fußballspiel des SC (und den damit verbunden tumultartigen Zuständen in der Station) den Abend krönte. Das ganz einfach, indem er auf die schlaue Idee kam, während des bezahlens Milch und Zucker in den soeben erstandenen Becher Kaffee zu rühren. Eben diesen Becher hatte er zu diesem Zweck auf dem schmale Brett über dem Kassentisch positioniert, welches eigentlich der Wechselgeldschale vorbehalten ist. Es kam wie es kommen mußte, noch bevor die Kollegin protestieren konnte hatte der Mann in einer unkoordinierten Bewegung den Becher umgestoßen und den Kaffee in der Tastatur versenkt. Hektisches wischen konnte immerhin noch verhindern, das die Fluten des Heißgetränks sich über den Kassen-PC und die dahinter liegende Steckerleiste ergossen (… ich hätte ja schon gerne gesehen, ob diese abgesicherten Dinger ihr Geld wert sind). Die Tastatur hingegen war nicht mehr zu retten und auch ein vorsichtiges Austrocknen bei 50°C im Brötchenbackofen brachte sie nicht mehr aus dem Elektroschrottnirvana zurück. Immerhin, die Blicke einiger Kunden waren nicht schlecht, wie sie da die Tastatur im Ofen schwitzen sahen und lieber nicht nachfragen wollten, was es denn damit auf sich habe …

Die Tage nun stehe ich als Kunde in einer anderen Tankstelle am anderen Ende der Stadt, habe die Pflichtlektüre unter dem Arm und wäge noch gedankenverloren die Inhaltsstoffe zweier Softgetränke gegeneinander ab, als es hinter mir einen lauten Knall gibt. Spritzer roten Weines fliegen mir bis vor die Fußspitzen und als ich mich umdrehe sehe ich genau jenen Kunden von der Kaffeeschlacht damals. Diesen hoch aufgeschossenen aber untersetzten forty-something mit grauem Mantel, Schal und Hornbrille, den man gar nicht wahr nehmen würde, wenn er nicht so einen gehetzten Eindruck machte. Dazu noch sein dummes Gesicht mit dem Blick auf die nun leeren Hände, denen soeben die Literflasche Rotwein vom billigsten entglitten ist. In den See zu seinen Füßen rutschen derweil langsam die Schokoriegel aus dem Regal hinein, das die Flasche bei der gravitationsbedingten Abwährtsfahrt offensichtlich aus der Verankerung gerissen hat.
Eine stimmig-groteske Szene irgendwie, nur leicht gestört durch die hektischen Bewegungen des Verkäufers, der sich noch bemühte, zu retten, was noch zu retten war.

Verhältnismäßigkeit.

Zur täglichen Stammkundschaft gehört eine massige Frau mit rasselndem Atem. Eine unglaublich massige Frau, mit einem Atem der so klingt wie ein Metalleimer, der in einen tiefen, dunklen Brunnen fällt und dabei die Wände entlang poltert.
Sie kauft immer ein Päckchen billigere Zigaretten, in der langen Variante. Neulich zahlte sie die 3,70 mit einem Zehner, und weil in der Schicht vor mir jemand all zu optimistisch Wechselgeldrollen aufgerissen hatte, hielt ich es für eine gute Idee, ein paar Zwei Euro Stücke loszuwerden. Aber nixda.

»Nöö, gebense mal nen Fünf Euro Schein mit raus. Mein Enkel hat Geburtstag!«

Kunden

Etwas zu kennen heißt nicht, es auch zu verstehen und etwa zu wissen bedeutet nicht, es auch verinnerlicht zu haben. Darum versuchen Hunde immer noch, in ihren Schwanz zu beissen, und Männer probieren weiterhin, Frauen zu verstehen. Und der Tankstellenmitarbeiter versucht wider besseres Wissen, aus den Kunden schlau zu werden.

Möglicherweise gibt es »den Kunden« gar nicht, existieren doch nur wenige Orte, an denen sich die Spanne der Klientel derart spreizt, das der Penner mit Dosenbier und Mundfäule in der Schlange vor dem Geschäftsmann mit Kaschmirmantel und Platincard steht. Trotzdem haben sie alle was gemeinsam. Die Schwarmintelligenz der Tankstellenbesucher.

Das fängt schon damit an, das sie selten alleine kommen. Möglicherweise fühlt sich der einzelne Kunde wie die Makrele im Haifischbecken. Ich weiß nicht woran es liegt, aber gerade wenn du da stehst und denkst, »Och, das ist ja mal schön ruhig heute!« kannst du sicher sein, das irgendwo ein Fanal bläst und der Ansturm beginnt. Dann kommen sie von allen Seiten, stapeln sich vor dem Tresen und suchen aus den Augenwinkeln nach so einem Klingelknopf für »Bitte öffnen Sie eine zweite Kasse!« wie es ihn nur bei REWE gibt. Aus dem Nichts! Ich bin mir sicher: Irgendwo treffen die sich und planen die Invasion. Vielleicht gibt es Grillfleisch dazu, und Bier vom Fass, und wenn erst genug Volk beisammen ist, dann beginnt der Sturm auf die Station. Kann nicht anders sein. An besonderen Tagen ruft noch ein besonders vorwitziger bizarre Parolen aus, z.B. »Kauft alles an Tampons und Binden, was ihr tragen könnt!!«.

So war es wenigstens am vorvergangenen Wochenende. Was da an einem Tag an Hygieneartikeln durchging, wird sonst im ganzen Monat nicht verkauft. Samstag abend war Schicht im Schacht und ich mußte hart mit mir ringen, um nicht noch die Tempos zum selberdrehen zu veräußern. Auch wieder typisch – auf den Kundentoiletten fand ich abends zwei geöffnete Tamponverpackungen. Wohlgemerkt – auf dem Männerklo …

Dieses Wochenende dann plötzlich Blumen. Ok, am Valentinstag rechnet man damit. Oder am Muttertag. Aber an so einem Wochenende im März, an dem sie höchstens im Feuilleton der Süddeutschen bemerken, das Weltfrauentag war? (… oder hat Wagner dazu was in der Bild geschrieben?). Egal, die Leute wollten Blumen, und sei es das letzte Gestrüpp. Man muß das nicht verstehen. Man ertappt sich nur dabei, wie man es trotzdem versucht. Bis sie dann kam und fragte:

»Haben Sie Zigaretten mit rosa Elefanten oder Totenköpfen drauf? Nein? Dann nehm’ ich eine Luckies!«

Vom Fluch moderner Bildbearbeitung …

Ok, Paderborn ist nicht Florenz und das Panorama, das man von unserem Parkplatz aus genießt dürfte nicht ganz an den Blick über Florenz (Vorsicht, 2,13 MB!) heranreichen, den der Piazzale Michelangelo verliebten Paaren bietet.

Dafür ist unser Parkplatz vieleicht verkehrsgünstiger gelegen und einfacher zu finden. Weitere Argumente würden mir dann auch nicht mehr einfallen, um diesen Ort für ein erstes Rendezvous auszuwählen.
Genau das hatten aber die beiden mittzwanziger getan, die am Samstag Abend einen Träger Bier und zwei rote Rosen erstanden.
»Wir haben uns mit zwei Frauen verabredet. Aus dem Internet!«
Aha …

Ich habe den Fortgang der Geschichte dann zunächst nicht weiter beobachten können, es war gut zu tun und auf dem Gelände kommen und fahren eh ständig Autos.

Um kurz vor neun schlugen die beiden Casanovas dann wieder auf, laut lachend und mit einem Blick, der nahelegte, das von dem Sixpack Bier nichts mehr übrig war und die Mädels auch nicht viel abbekommen hatten. Der eine steuerte schnurstracks auf den Kühlschrank zu, um eine Literflasche Energydrink zu greifen, während der andere die Vodka-Auslage studierte und dann aus Preisgründen doch auf eine Flasche Doppelkorn vom billigsten zurückgriff.
»Wir müssen eh noch mal wieder kommen. Die sind so unglaulich häßlich!« grinste er. »Wie lange habt ihr auf?«

»Durchgehend, macht euch keine Sorgen.«

»Mann, das konnte man auf den Fotos im Profil echt nicht erkennen, das das solche ‹zensiert› …«

Sonntags, wenn das Wetter gut ist und Fussball gespielt wird …

… dann kommt schon mal ein Sonderzug Osnabrücker vorbei. Die nehmen die Punkte mit. Und weil danach etwas mehr als eine halbe Stunde Zeit ist, bis der Zug wieder rollt, reicht es auch noch für die Erstürmung einer Tankstelle. Marschverpflegung und so.

(Klick zum vergrößern)

Palim palim

Leicht schwankend stand er vor mir, mühsam die Worte im Mund sortierend.

»200 Gramm Vodka bitte«, seine Hand deutete grob in die Richtung der Flachmänner.

»Eine Flasche Pommes dazu?«

Unverständige Blicke.
Sie haben den Hallervorden wohl nie ins russische synchronisiert.

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