Brasilien Tag 7: Paraty, Angra dos Reis, Ilha Grande

Reif für die Insel.

Nach zwei Tagen in Paraty brechen wir am Donnerstag früh auf zur nächsten Etappe. Die sechs Israelis sind schon unterwegs, den Raum nebenan bezieht gerade ein deutsches Paar, als wir unsere Rucksäcke schultern und uns vom Besitzer des Family House Hostel verabschieden. Auf dem Weg zum Busbahnhof gehts noch kurz in den Supermarkt, der wie überall im Land seine typischen Eigenheiten aufweist. Im Eingangsbereich finden sich mehrere Geldautomaten, im Verkaufsraum ein sehr reichhaltiges Warenangebot. Richtung Kasse geht es zu den Süßwaren, wo jetzt in der Zeit vor Ostern hunderte große eiförmige Verpackungen mit Schokolade und Bonbons von der Decke hängen. An der Kasse allerdings braucht man Geduld in Brasilien. Obwohl die Technik nicht anders ist als in Deutschland, möchte ich behaupten, das eine durchschnittliche ALDI-Kassiererin genausoviele Waren über das Band schiebt wie vier ihrer brasilianische Berufskolleginnen gemeinsam. Und die haben sogar meist noch jemanden im Rücken, der gleich hilft die Waren in – allerdings viel zu dünne – Plastiktüten zu verpacken.

Mit ein wenig Proviant versorgt begeben wir uns zum nahen Busbahnhof und lösen ein Ticket für die Linie ins knapp 100 Kilometer nordöstlich gelegene Angra dos Reis. Die ganze fast zweistündige Fahrt verläuft Hügelauf- und abwärts entlang der Küste. Nach zwei dritteln der Fahrstrecke biegt der Bus plötzlich rechts ab und passiert ein von bewaffneten Posten bewachtes Tor, das Zugang zu einem stark umzäunten Areal bildet. Innerhalb dieses Gebiets befinden sich diverse Wohnungen, aber auch Wirtschafts- oder Forschungseinrichtungen. An zwei Haltestellen nimmt der Bus Passagiere auf, bevor die Fahrt weitergeht und wir den Sicherheitsbereich wieder verlassen. Als wir kurz darauf das Kernkraftwerk Angra passieren (Brasiliens einziger kommerzieller Reaktor) wird klar, das das ganze Gelände zur Kernforschungsanlage zu gehören scheint.


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Brasilien Tag 6: Paraty – Praia da Trindade

Am Mittwoch steht nach dem gewohnt einfachen (aber kalorienhaltigen) Frühstück zunächst einmal eine kurze Wasch-Session an. Da es kaum einmal weniger als 30 Grad sind, ist eigentlich alles, was man einmal angezogen hat sehr schnell durchgeschwitzt. Gegend Mittag machen wir uns auf zum Busbahnhof im Westen von Paraty, von unserem Hostel nur ein paar hundert Meter die staubige und bucklige Parallelstraße der Hauptstraße hinunter. Eine bunt bemalte Grundschule liegt hier entlang des Weges, daneben ein Schrotthandel, dessen Inhaber mit einem Eselskarren ständig neues Material herankarrt.

Am Busbahnhof wieder das gewohnte Bild. Einige Einheimische relaxen, eine Menge Schulkinder zwischen 6 und 16 Jahren, die auf die Linienbusse warten, welche sie in alle Winkel der Region bringen. Dazu eine Hand voll Traveller und über den Köpfen die unablässig laufenden Bildschirme mit den schon gewohnten Übertragungen aus dem brasilianischen Big-Brother Camp. Wir wollen heute knapp 30 Kilometer nach Süden, zur Praia da Trindade (»Dreifaltigkeit«), wo sich einige der schönsten Strände des Landes befinden sollen.


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(Google Maps kennt keine Straße nach Trindade, der Strand befindet sich in der Bucht ca. einen Zentimeter süd-östlich von “B”)

Der Bus läßt auf sich warten. 10 Minuten nach der geplanten Abfahrtzeit spricht uns ein junger Brasilianer an, der zusammen mit seiner kanadischen Freundin unterwegs ist. Die beiden wollen auch nach Trindade, ob man sich ein Taxi teilen solle, falls der Bus nicht käme? Wir beschließen, dem Wagen der Gesellschaft Colitur noch ein paar Minuten Zeit zu geben. Als wir ins Gespräch kommen und die Kanadierin erfährt, das wir Deutsche sind, fragt sie uns, ob wir schon vom Amoklauf in Deutschland gehört hätten? Es ist der 11. März, rund 6-8 Stunden zuvor hat der 17 jährige Täter in Winnenden 15 Menschen ermordet und danach sich selbst getötet.
Es ist schon verrückt. Da reist man um die halbe Welt und hört sich im Vorfeld zu Hause viele gute Ratschläge an, das man im gewalttätigen Brasilien bloß vorsichtig sein soll. Und dann dreht zu Hause wieder einer durch.

Wenige Minuten später kommt der Bus dann doch, zusammen mit einer Horde Schulkinder in ihren einheitlichen grauen T-Shirts mit blauer Beschriftung entern wir das Gefährt und quetschen uns durch das typische warnrot lackierte und schwergängige Drehkreuz hinter dem Einstieg, durch das ich mit meinen knapp 85 Kilo schon nur noch mit Mühe komme. Beleibtere Personen müssen wahrhafte Akrobaten sein, um in Brasilien Bus fahren zu können. Anders als in den Großstädten, in denen noch ein Ticketverkäufer an Bord ist, bleibt der Fahrer hier auf sich allein gestellt.

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Rette Deine Freiheit!

In München schlagen Jugendliche Randalierer einen couragierten S-Bahn-Fahrgast tot. Eine unglaublich traurige und tragische Geschichte. Und statt endlich einmal anzufangen nachzudenken, wie man diese Probleme in den Griff bekommen kann, schlägt bei den ewig gleichen ewig gestrigen Politikern sofort wieder der populistische Beissreflex durch. Bayerns CSU-Innenminister Joachim Herrmann will härtere Gesetze und noch mehr Videoüberwachung. Als wüßte man aus Großbritannien nicht, das auf 1.000 Videokameras eine aufgeklärte Straftat kommt. Eine Kamera kann ein Verbrechen aufzeichen. Vielleicht. Eine Kamera kann ein Verbrechen aber niemals verhindern.

Herrmanns Parteikollegin und Landesjustizministerin Beate Merk fällt im selben Atemzug nichts besseres ein, als die ewig gleiche dumpfe Verschärfung des Jugendstrafrechts zu fordern. Saublöde Parolen, mit denen man sicher an CSU-Stammtischen Applaus erntet. Als wüßte man nicht längst, das das »Prinzip Abschreckung« ganz einfach nicht funktioniert. Schaut nach Amerika, schaut in übervolle Knäste. Und am wenigsten bewirkt das irgend etwas bei entwurzelten, desilusionierten Kids ohne jede Zukunftsperspektive, für die sich schon heute kein Mensch und erst recht kein regierender Politiker interessiert.

Eine Lösung würde halt Geld kosten. Mehr Personal, das Präsenz zeigt. Mehr Leute die ein Auge haben und da sind, wenn was passiert. Und eben keine tote Kamera, die 24 Stunden lang 7 Tage die Woche alles aufzeichnet aber nichts tut. Und vielleicht wirksamer was gegen Gewalt, Arbeitslosigkeit und Frustration tun. Aber da wäre es halt nicht mit ein paar markigen Worten getan. Dann doch lieber weiter fleissig überwachen, beobachten und kriminalisieren.

Und genau deswegen und eben nicht nur wegen der Internetsperren ist das hier so wichtig:

(…) “RetteDeineFreiheit” ist eine Antwort auf die nicht nachvollziehbare Politik der Bundesregierung in Bezug auf die Internetsperren.

Entgegen allen Expertenmeinungen und der erfolgreichsten “Online-Petition” in der Geschichte Deutschlands mit über 132.000 Mitzeichnern wird in Deutschland ein grundgesetzwidriges und dazu noch vollkommen sinnloses Gesetz verabschiedet.

Kritiker werden in der Diskussion diffamiert, haarsträubende und falsche Argumente gebetsmühlenartig wiederholt – von einer lebendigen und gesunden Demokratie keine Spur. (…)

www.rettedeinefreiheit.de

Brasilien Tag 5: Paraty

Rumble in the jungle.
(… Nachfolger zu diesem Eintrag. Wird Zeit, das langsam mal zu komplettieren.)

Nach einer eher unruhigen Nacht, die komplett vom durchlaufenden Fernseher im Rezeptions-Wohnzimmer begleitet wird, wollen wir am Dienstag in aller früh aufbrechen, um uns eine etwas passendere Unterkunft zu suchen. Da haben wir allerdings die Rechnung ohne den betagten Herbergswirt gemacht, der aus einem Zimmer kommt, das bis unter die Decke mit alten Fernsehern vollgestellt ist. Ebenso wortreich wie unverständlich, die Aussprache der Brasilianer ist zumeist wirklich kryptisch, bittet er uns zum Frühstück. Das fällt wieder landestypisch aus, Brötchen, gesalzene Butter, ein paar Früchte, Marmelade und unglaublich süßer Kuchen, Ameisenstraße über den Tisch inklusive.

Im Ort mangelt es nicht an teuren Luxusherbergen, Budgetunterkünfte sind schwieriger zu finden. Das dem offiziellen Jugendherbergsverband angeschlossenen Paraty Hostel sieht klasse aus, beherbergt dutzende Backpacker und hat Internet – leider sind nur noch Betten in den Schlafsäälen frei. Und die sind nach Geschlechtern getrennt. Auch kein Glück haben wir beim nächsten Versuch in einem von einem deutsch sprechendem Belgier geführten Hostel. Zwar wäre etwas frei, das Zimmer sieht auch ok aus, aber zwischen den Zeilen läßt der Belgier durchblicken, das er es ganz gerne hätte, das man abends zeitig im Hostel ist, damit er die Tür schließen kann. Nicht unsere Vorstellung von Freiheit.

So quartieren wir uns letztlich in einer kleinen Pousada ein, in der ein junges brasilianisches Paar sieben Zimmer in buntesten Farben vermietet. Kurz nach uns werden drei weitere Zimmer von einer Gruppe Israelis belegt, die seit sechs Wochen in Südamerika sind und nach Chile und Argentinien nun das südliche Brasilien erkunden »I can’t get it – anywhere you go in south-america – you’ll always meet israelis and germans!« meint einer grinsend zu mir. Gemeinsam schauen wir nach, was man am Nachmittag unternehmen könnte. Schnell fällt die Entscheidung auf Cachoeira Toboga, eine natürliche Wasserrutsche im hügeligen Dschungel, ca. 15 Kilometer landeinwärts.

Mit dem Bus, gesteuert von einem stolz seine blaue Uniform tragenden ›Motorista‹ geht es raus aus Paraty, vorbei an einem »Sao Paulo -links, Rio de Janeiro -rechts«-Verkehrsschild gerade aus ins Hinterland. Ruck zuck windet sich die Straße um steile Hügel herum, durchquert einen kleinen Ort, um danach noch tiefer in den atlantischen Regenwald einzutauchen. An der »Kirche auf dem Felsen« sollten wir aussteigen hatte man uns gesagt – ein unübersehbarer Ort, wie wir feststellen.

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Got milk


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Mis(ter)understood

Vorhin im Studio zu einer Frau gesagt, sie müsse die Beine breit machen.
Sie mir eine übergezogen, erstens mit Schmackes und zweitens mit der Langhantel. Ich mir die Backe gehalten, trotzdem weiterhin tapfer bei der Wahrheit geblieben und behauptet, das die Füße bei der Kniebeuge aber mindestens schulterweit auseinander gehören.

Strichcode in den Nacken, RFID-Chip unter die Haut oder: Jedem seine IP

Bundesjustizministerin Brigitte Zypries hat der taz ein Interview zum Themenkomplex Zensurdiskussion, Netzpolitik und Piratenpartei gegeben. Das dabei keine differenzierte Betrachtung zu erwarten war, leuchtet ein. Es ist schließlich Wahlkampf und das arg vordergründige kleinreden und geringschätzen des politischen Gegners irgendwo auch eine Aussage.

Abenteuerlich wird es, als das Gespräch auf die Rückbetrachtung der Gesetzgebung zur Internetsperre kommt.  Schiebt Frau Zypries den schwarzen Peter der Verantwortung doch zur Gänze in Richtung CDU/von der Leyen sowie der Internetprovider, die nur all zu willfährig bei Zensursulas Plänen mitgezogen hätten. Beinahe erweckt es den Eindruck, Zypries möchte noch dafür gelobt werden, da das Gesetz Rechtsschutz für die getroffenen Regelungen bietet. Kein Wort zum nicht vorhandenen Wiederstand der SPD, der dann ja eigentlich angesagt gewesen wäre. Das wirft in mir auch die Frage auf, ob es tatsächlich so einfach sein kann, durch forciertes Fakten-schaffen die Verabschiedung eines Gesetztes zu erzwingen.

(…) Das Gesetz ist notwendig geworden, weil die Kollegin von der Leyen angefangen hat, Verträge mit den Providern über diese Sperren zu schließen. (…)

Interessant auch, was Frau Zypries im weiteren Verlauf des Gespräches lose einfließen läst. Vom »Gutes-Internet-Kodex« ist die Rede, was Zypries international bzw. zunächst im Europarat diskutiert wissen möchte. Und spätestens bei der Passage

(…) Die technische Entwicklung geht mit Rasanz voran, wer weiß, ob wir nicht in fünf Jahren eine neue Generation des Internets haben. Vielleicht hat dann jeder Mensch eine individuelle IP-Adresse, die so unverwechselbar ist wie seine Telefonnummer? (…)

sollte man hellhörig werden. Die Entwicklung des Internet aus Sicht der Justizministerin. Soll sich jeder seine eigene Meinung dazu bilden – mir ist sehr unwohl bei diesen Gedanken.

Zypries Interview in der taz: »Die Piraten sind mir zu konservativ«

Betrachtung dazu bei netzpolitik.org: »Zypries über Datenschutz und Netzsperren«

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