Das Land von Dichtern und Denkern …
• just kidding • 2 Kommentare •
Bevor der Sommer wieder vorbei ist habe ich noch mal den Rucksack gepackt und eine Woche in Portugal verbraucht, Lissabon und Umgebung sowie ein wenig Algarve. Ich hoffe, ich schaffe es beizeiten, dazu noch ein wenig zu schreiben. Vorab erst mal ein paar Impressionen.
Die CDU und ihre Vorstellung von Pressefreiheit:
Wie man mit den fortwährend gleichen falsch dargestellten Fakten Ängste schürt, anders denkende verunglimpft und der Zensur den Weg bereitet:
A lesson in propaganda.
»Hi, wie gehts? Lange nicht gesehen. Ich warte grad mal nen Moment hier, die Schlange ist mir zu lang.«
Es gibt die Momente, in denen man einfach ungestört sein will. Etwa, wenn ich mich ab und an niederen Gelüsten hingebe und einen Burger beim amerikanischen Filialisten verspeise. Man sitzt dort ein paar Minuten lang mit leerem Blick an viel zu kleinen Tischen, auf dem die Ellenbogen neben dem Tablett noch kaum Platz finden. Das sind nicht die Momente, in denen ich Konversation führen möchte.
Sie läßt sich davon nicht beeindrucken, redet wie aufgekratzt weiter.
»Sorry, wenn ich so viel quatsche. Ich hab gerade eine alte Bekannte getroffen, wir hatten ein paar Sekt. Hab nen bisschen einen drin.«
Es ist Mittag, kurz nach eins.
»Ich hab Dich neulich schon mal irgendwo gesehen. Da hab ich noch zu meiner Bekannten gesagt: ›Das ist bestimmt auch einer, bei dem die Freundin richtig ran muß. Oder ganz im Gegenteil, einer der total unter dem Stiefel steht.‹«
»Äh … wie kommst Du darauf?«
»Weiß nicht. Dachte ich so. Was machst Du so? Ich hab ein paar Mal den Job gewechselt. Zu viel Gerede in meiner Branche, stehe ich gar nicht drauf. Ist aber überall das selbe. Hab dann auch mal alles runtergefahren. Burn out. Ich bin da schon seit Jahren in Behandlung. Mußte erst mal lernen, alles loszulassen und runter zu kommen. Aber die ersten beiden Therapeuten waren Idioten.«
»Aha …«
»So langsam komme ich wieder klar. Hatte ein paar Abstürzen. Hat leider auch Spuren hinterlassen.«
Sie deutet auf die Stirn, über die sich eine mehrere Zentimeter lange Narbe zieht.
»Oh Kacke! Die beiden da, an der rechten Kasse. Das sind Ex-Kolleginen von mir. Ey, nee, auf Firmentratsch hab ich jetzt so gar keinen Bock. Sorry, ich hau ab.«
Katja. Sie wird jetzt Mitte dreißig sein. Vor 15 Jahren, als ich nur hin und wieder in der Stadt war, hatten wir mal ein paar Dates. Seitdem habe ich sie kaum noch gesehen. Damals verstanden wir uns gut. Bis zu dem Abend, als ihr auf einer Techno-Party die Pillendose herunter fiel. Das sie ab und zu eine Ecstacy schmiss, geschenkt, … vielleicht.
Aber nie werde ich vergessen, wie sie völlig hysterisch auf den Knien über die Tanzfläche durch den überfüllten Club rutschte, um zwischen den Beinen der Tänzer die Ecstacytabletten einzusammeln.
Meine Mutter hatte mit Rechnern und dem Internet nie etwas zu tun. Nachdem sie bis zu Beginn der neunziger die pflegebedürftigen Schwiegereltern betreut hatte, fand sie zur Aufbesserung der Rente eine Halbtagsstelle bei einem Rechtsanwalt, der selbst wenig auf PCs stand. Um so mehr schätzte er die klassischen Fähigkeiten an der Schreibmaschine und im Rechnungswesen, auf die meine Mutter noch zurückgreifen konnte. Auch in ihrer letzten Anstellung vor dem Ruhestand in einem Sachverständigenbüro war mehr klassisches Organisationstalent und Ordnung denn PC-Arbeit gefragt.
So würde meine Mutter eigentlich genau in die Gruppe fallen, die laut der aktuellen ARD/ZDF-Internetstudie 2009 am wenigsten Online sind – Frauen über 60. Wenn sie sich denn im vergangenen Jahr aus einer Laune heraus nicht doch noch einen Rechner angeschafft hätte. Einfach weil sie mal sehen wollte, wovon die Leute da so viel sprachen. Und auch wenn sie vieles (noch) nicht versteht (z.B. wer da überhaupt etwas ins Internet stellt und warum Leute die Mühe auf sich nehmen und Sachen wie Wikipedia-Einträge erarbeiten) haben Dinge wie E-Mails sie im Sturm erobert. Ich erinnere mich noch gerne daran, wie sie erst verwundert und dann begeistert war, als ich ihr Anfang des Jahres aus einem Internet-Cafe in Brasilien schrieb und gleich noch ein paar Bilder anfügte.
Natürlich ist meine Mutter trotzdem alles andere als eine »Internet-Poweruserin«. Und wenn man es ihr wegnähme, dann würde sie das vermutlich nicht sehr schmerzen. Aber meine Mutter ist eine gerechtigkeitsliebende Frau mit gesundem Menschenverstand. In den letzten Kriegsjahren als ältestes von sechs Geschwistern aufgewachsen, hat sie am eigenen Leib erfahren, welches Leid aus totalitären Systemen entsteht. Und welchen Wert Freiheit und Grundrechte haben.
Früher mal fand meine Mutter die Ursula von der Leyen gar nicht schlecht. Beide stammen aus Niedersachsen, und auch wenn meine Mum als Sproß einer klassisch SPD-wählenden Arbeiterfamilie niemals das Kreuz für Ursulas Vater Ernst Albrecht gemacht hat, hat ihr doch irgendwie imponiert, wie eine Frau mit sieben Kindern sich da in der Politik etabliert.
Aber dann kam die Diskussion um die Internetsperren. Und die »Zensursula«-Bilder, die es sogar in die konservative Lokalpresse und die Fernsehnachrichten geschafft haben. Erst hat das auch ganz gut funktioniert, wie Frau von der Leyen sich das gedacht hat. Kinderpornographie als Totschlagargument. Aber meine Mutter läßt sich das denken nicht gerne verbieten, und abseits jeder tieferen Internetaffinität wird jedem Bürger mit gesundem Menschenverstand schnell klar, das wegsehen statt löschen nicht wirklich die Lösung ist, wenn er sich denn erstmal ein bisschen ernsthaft mit dem Thema beschäftigt hat. Und gerade die Generation derer, die aus den Kriegswirren heraus mit dem Grundgesetz aufgewachen sind, weiß vielleicht am besten um das hohe Gut von Gewaltenteilung. Oder parlamentarischer Kontrolle.
Oder Meinungsfreiheit.
Demokratie.
Menschenwürde.
Und Sätze wie
Mir geht es jetzt um den Kampf gegen die ungehinderte Verbreitung von Bildern vergewaltigter Kinder. Doch wir werden weiter Diskussionen führen, wie wir Meinungsfreiheit, Demokratie und Menschenwürde im Internet im richtigen Maß erhalten. Sonst droht das großartige Internet ein rechtsfreier Chaosraum zu werden, in dem man hemmungslos mobben, beleidigen und betrügen kann.
(U.v.d.Leyen im Hamburger Abendblatt v. 02.08.2009)
in dem gebetsmühlenartig der Blödsinn vom »rechtsfreiem Raum Internet« wiederholt wird und Frau von der Leyen sich und ihresgleichen ganz nebenbei anmaßt, das ›richtige Maß‹ von Meinungsfreiheit, Demokratie und Menschenwürde bestimmen zu können, solche Sätze, die stoßen sauer auf. Auch und vor allem meiner Mutter mit über 70 Jahren.
___
Zu den Äußerungen von Frau von der Leyen gegenüber dem Hamburger Abendblatt empfehle ich unbeding den Eintrag von Udo Vetter:
»Die Meinungsfreiheit als Sondermüll«
Mein Medienberater hat plötzlich jede Menge Zeit für mich. Vorletzte Woche hat er bei Frau Schickedanz in den Sack gehauen und bei der SPD sieht er seine Kraft auch verschwendet.
»Ich brauche mehr Realismus in meinem Leben und ein Ziel, für das es sich einzusetzen lohnt …« sagte er zu mir, als er sich heute morgen einen Kaffee einschenkte und ungefragt die selbstgedrehte ansteckte. »… wir müssen für Dein Blog mal wieder was tun.«
Ich guckte groß und langsam, früh am Tage bin ich ja eher misanthroph veranlangt und arg gesellschaftsscheu. »Jezz echt! Mal wieder ein paar knackige Jugendsünden. Oder irgendwelche Skandale! Schlüpfrige Geschichten, da geht doch was, ich kenn Dich doch …« knuffte er mich an die Schulter und grinste mit einem halb zugekriffenen Auge in dieser grenzdebilen Art an, die so richtig überzeugend eben nur von Brotlos-Artisten seines Schlages beherrscht wird.
»Wie war das noch, damals mit den 2.800 Mark, oder die Sache im KitCa …«
»Halts Maul!« reichte es mir. »Mir fällt grad halt wenig ein. Und wenn das so ist, dann ist das so in Ordnung. Kein Stress verdammt , ok?«
»Is gut, is gut, alles easy.« beschwichtigte er, nahm einen Schluck und stellte den noch halbvollen Becher wieder ab. »Ich muß eh weiter. Hab auf dem Handy grad getwittert bekommen, das der Schreiber im Anflug ist. Da gibts bestimmt Arbeit für mich.« Ich gucke ihm den Flur entlang hinterher und hörte gerade noch »…, und denk’ über mein Angebot nach. Wenigstens die Reise-Geschichte sollteste fertig machen. Oder mal wieder was mit Katzen, das zieht immer …« bevor die Tür ins Schloß fiel.
Hmnja …
Der dem Menschen ureigene unerschütterliche Glaube daran, das letztendlich irgendwann doch einmal »alles gut« werde, manifestiert sich womöglich nirgendwo deutlicher als in der Tatsache, das die Autofahrer hier in einem fort weiter tapfer auf die beiden seit Stunden bis auf den letzten Platz voll belegten Parkplätze steuern.
Alte Hüte aufgekocht. Einige der am meisten gelesenen Einträge:
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