Der Herr Jong-Il und die Sache mit dem einlochen.

Eigentlich hatte ich ja versprochen, nichts zu verraten – aber weil der Spiegel jetzt erst wieder eine uralte Geschichte ausgegraben hat (vielleicht, weil SPON bei Jürgen Kalwa mitliest) muß ich wohl.

In Wirklichkeit war das mit dem Golfrekord von Herrn Jong-Il nämlich so – er hat mir das selbst erzählt, wir spielen ja Skat miteinander. Jeden dritten Donnerstag im Monat. Nur im August nicht, da ist er immer platt von der grossen Parade zum Nationalfeiertag.
Also, der Herr Jong-Il hat seinerzeit mit Hilfe von einigen DAX-Unternehmen ein paar Schiffsladungen Elektromagnete nach Pjöngjang geschmuggelt. Kleine Dienste unter Freunden, man kennt sich. Das wurde zwar ein wenig auffällig, als die Schiffe das Unterseekabel nach Japan überquerten und dort drei Tage lang das Internet nicht lief, aber die blöden Amis haben gedacht, da wären wohl nur ein paar Zentrifugen für die Uran-Aufbereitung unterwegs. Ha, reingefallen!

In Pjönjang dann also hat eine Brigade der koreanischen Volksarmee die Magneten verbuddelt, immer genau unter den Löchern vom Golfplatz. Man musste aufpassen, wann die Spionagesatelliten oben im Himmel kreuzten, die hätten ja gedacht man buddelt Löcher für Interkontinentalraketen. Herr Jong-Il wollte dann auch direkt loslegen, ging aber nicht. Man musste ihm dann sagen, das er auch noch Strom für die Magneten braucht. Er hat dann auf dem kurzen Dienstweg den Chinesen ein altes Kohlekraftwerk abgeschwatzt, was die nach der Wende von der deutschen Treuhand in Bitterfeld ersteigert und dann demontiert hatten.

So lange das Kraftwerk noch zusammengebastelt wurde hat Herr Jong-Il sich derweil die Zeit damit vertrieben, Stahlmurmeln in ausgehöhlte Golfbälle zu kleben. Er kann da sehr akribisch sein.

Dann wars aber auch fertig. Der Plan war, synchron mit dem Golfschwung so einen Elektromagneten mit der magnetischen Flussdichte knapp unterhalb eines kollabierenden Neutronensterns anzuschalten – und der Golfball geht ab wie Schmitz-Katze und schwupps aus 300 Metern direkt ins Loch.

Dummerweise hat der Herr Jong-Il beim ersten Versuch noch ein metallenes Brillengestell aufgehabt. So war die Brille noch schneller weg als der Golfball, und er sieht ja ohne Brille nichts. So irrte er blind über den Kurs. Wir fanden ihn erst drei Tage später im Bunker beim Rough auf der Bahn 14 (ich hab ihm immer gesagt: So etwas kommt mal dabei heraus, wenn man den lieben langen Tag immer nur in Tarnklamotten herum rennt), er halluzinierte schon etwas von Schützengräben und Stellungskrieg mit dem südlichen Nachbarn.

Beim zweiten Versuch lief dann alles glatt und Herr Jong-Il legte die sagenhafte Runde mit 11 Hole in ones hin.

Aber wie das so ist, mit dem Schummeln, man verliert dabei recht schnell den Spaß am Spiel. Das ist bei Herrn Jong-Il nicht anders. Deswegen hat er jetzt ein neues Ziel: Er läßt gerade die Magneten wieder ausbuddeln und möchte die in Torpfosten beim Fußball verstecken, weil Nordkorea sich doch für die übernächste WM bewirbt. Er muß jetzt nur noch den Blatter-Sepp bearbeiten, damit der erlaubt das Torpfosten künftig zwei Meter breit sein dürfen. Aber der Herr Jong-Il weiß schon, wie er den Blatter-Sepp packen kann. Der steht ja auf Orden, und damit kennt der Herr Jong-Il sich nun wirklich aus.

Erase & Rewind

Es gibt so Tage, da wünscht man sich eine große Rückspultaste. Oder Systemwiederherstellungspunkte fürs eigene Leben. Instant Replay von mir aus auch, irgendwas. Ich hätte in den letzten Tagen ab und an gerne davon Gebrauch gemacht. Am Mittwoch, auf dem Weg zu einer beruflichen Weiterbildung, ist mir kurz vor dem Ziel der Wagen verreckt. Das passiert also natürlich genau in dem Moment, in dem man mit dem Auto am weitesten von zu Hause entfernt ist, so über das letzte halbe Jahr gesehen. Ob die Wasserpumpe bei einem 27 Monate altem Wagen mit moderatem Kilometerstand kaputtgehen darf ist dann noch eine ganz andere Geschichte.
Ok, erstmal ärgerlich, aber was will man machen. Eigentlich hätte es klappen sollen, den Wagen bis Donnerstag zu reparieren. Dann rief jedoch die Werkstatt an – das benötigte Teil sei nicht verfügbar, komme frühestens am Samstag. Man stellte mir dafür im Rahmen der Mobilitätsgarantie des Herstellers einen Leihwagen einer bekannten Mietwagenfirma zur Verfügung.

Ich fuhr also am Donnerstag abend mit dem Leihwagen wieder nach Hause. Am Freitag abend stand der Wochen-, Monats- … jedenfalls ein größerer Einkauf an. Zwanzig vor acht abends stehe ich mit einem vollbeladenen Einkaufswagen vor dem Auto, viel frische Ware und kühlbedürftiges. Auf der Fernbedienung zum Auto drei Tasten. »Alles auf«, »Alles zu« und »Nur Heckklappe auf«. Ich drücke auf letztere, öffne die Klappe und überlege, wo ich denn jetzt wohl den Schlüssel und meine Portemonnaie ablegen kann, damit ich schnell einräumen kann. Das Wagendach ist regennass, man will es ja auch nicht zerkratzen. Also Schlüssel und Portemonnaie der einfachheit halber auch eben in den Kofferraum gelegt. Einkäufe rein, es fängt wieder an zu regnen, schnell machen und die Klappe zu. [Lies alles]

In den Aussenbezirken der Unendlichkeit.

Es gibt wahrscheinlich gute Gründe, warum viele Fortbildungsseminare an Orten stattfinden, die der normalen urbanen Zivilisation doch vergleichsweise entrückt sind. Konzentration auf die Sache vielleicht. Klausurtage in der Diaspora. Das gesamte Hausnetz läuft über einen einzelnen, hoffnungslos überlasteteten Telekom-Privatkundenrouter, das ständige »Das Netzwerk ist ausgelastet.« zwingt zur Besinnung auf die Langsamkeit. Entschleunigung von der der Realität. Man lebt hier wie in dichtem Nebel, alles gedämpft, und wie bei einem Apnoe-Taucher verlangsamt sich der Herzschlag.

Ich war vor über zehn Jahren schon mal hier. Damals hing im Foyer ein Röhrenbildschirm von der Decke, auf dem an einem von diesen zähflüssigen Vormittagen Lafontaines Demission als Finanzminister durchtickert. Heute schwebt an gleicher Stelle ein LCD-Panel, es läuft immer noch NTV. Nur das diesmal Wiedeking den Hut nimmt. Und viel zu viele Millionen gleich mit. Nothing is changing at all.

Die angeschlossenen Hotelzimmer stecken wie damals noch in den neunzigern Fest, welche im Rückspiegel nur noch ein winziger Punkt sind. Auf den Fluren immer noch der selbe Geruch, eine dezente Mischung aus Staub und Putzmitteln. Dort hinten im Hirn, wo Gerüche mit Erlebnissen verdrahtet sind, blinkt die Erinnerung an eine genauso lange wie tragische Affäre auf, die hier einmal unter ungünstigen Vorzeichen begann. Vermutlich fühlt sich das deshalb alles noch toter als tot an.

63,5 °C

Ich liebte immer den Wettbewerb. Gegen andere und, wenn keiner da war, gegen mich selbst. Im Kindergarten bauten wir die höchsten Türme, mit dem Rad auf dem Weg zur Schule zählte nur die schnellste Zeit und danach saßen wir verschwitzt im Klassenzimmer und kippten blau im Gesicht aus der Bank, weil es darum ging, wer am längsten die Luft anhalten konnte. Held war, wer auf dem Kindergeburtstag die meisten Tortenstücke verdrücken konnte und auf der Heimfahrt am längsten freihändig fuhr. Oder sich wenigstens kapital auf die Fresse legte und dabei die meisten Zähne verlor. Ich glaube, das liegt dem Menschen im Blut. Microsoft, Sony und Nintendo verdienen Milliarden damit. Nike und Adidas auch.

In Tagen wie diesen parke ich morgens in der Sonne und fahre abends in einem aufgeheizten schwarzen Auto heim. Klimaanlage aus, Fenster zu, Heizung an. Feierabendkick!

Der Junge ohne Nasenbein, Claudias Fußnägel, geplatze Endrohre, die Scorpions und was das alles mit dem Erfolg kalifornischer Modelabels zu tun hat.

Damals, während unserer endlosen Familienurlaube im Sauerland, wohnte im Haus neben uns immer die Familie aus Wuppertal. Wuppertal-Elberfeld, um genau zu sein, denn bei nichts ging deren 88jähriger und eigentlich schwer dementer Opa derartig durch die Decke, als wenn mann ihn einen »Wuppertaler« nannte, oder gar einen »Barmer«. Der Sohn der Familie – zwei Jahre älter als ich mit meinen elfeinhalb – war deutlich lethargischer als sein Opa, aber dafür durchtrieben wie ein nordirischer Bombenbauer. Und Sven hatte kein Nasenbein. Das war ihm nicht etwa aufgrund eines Unfalles verlustig gegangen oder aus medizinischen oder kosmetischen Gründen wegrationalisiert worden – es war ihm einfach keines gewachsen. Was ich ebenso creepy wie cool fand.

Während unsere Eltern wandern gingen lernte ich, der unbedarfte Dorflümmel, von ihm all die Dinge, für die andere heute in Ausbildungscamps nach Pakistan reisen müssen. Glaser und Briefkastenverkäufer im Wittgensteiner Land sprechen in diesem Tagem noch mit leuchtenden Augen von jenen Zeiten. Ich denke noch gerne an die Meisterschaft zurück, die wir entwickelten, als es darum ging mit einem gummibandgetriebenen Propellerflugzeug zielgenau die Anbauteile der umliegenden Häuser zu zerbröseln.

Noch interessanter für mich war Claudia, Svens 16jährige Schwester. Wenn die Erwachsenen unterwegs waren stellte Claudia einen Stuhl auf die Terrasse am Hang und begann, sich im Sonnenschein lasziv die Fußnägel zu lackieren, während Billy Idols »Rebel yell«-Album die Siedlung beschallte. Meist trug sie dazu kurze, vorn geknöpfte Röcke, enge T-Shirts und eine ungeheuer ungehörige John Player Special aus der schwarzen Schachtel im Mundwinkel. Lange lackieren mußte sie für üblich nicht, nur all zu schnell war der räudige Gebrauchtwagenverkäufer aus Herne zur Stelle, der in der unteren Hausreihe das billige Eckhaus bewohnte, das sich -von drei Seiten mit Straße umgeben – quasi in die Achselhöhle des Hanges kuschelte. Über das Wochenende lieh er sich zumeist ein hochmotorisiertes Cabrio von seinem Chef, um damit willige Opfer unter den anwesenden Urlauberinnen zwischen 15 und 25 zu finden (notfalls nahm er es mit der Altersgrenze nach oben nicht so genau …), für die ein Ausritt in die Eisdiele nach Bad Berleburg einen kleinen Bruch im Ödnis-Kontinuum der gepflegten Langeweile darstellte.

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Weil ich momentan zu nichts komme, hier aber doch mal wieder etwas stehen soll. Und noch viel mehr, weil es meine Gedanken und die Stimmung der letzten Tage sehr gut zusammenfaßt.

»Freiheit ist es wert, niemals zu resignieren«

Live: Farin Urlaub Racing Team

Das letzte Live Konzert liegt schon ein wenig zurück, deshalb ging es gestern Abend nach Kassel, wo in der Stadthalle das »Farin Urlaub Racing Team« gastierte.

Die Stadthalle ist ein wuchtiger alter Bau, der so ganz anders ist als die üblichen Multifunktionsarenen und einen gewissen klassischen Charme verströmt. Jedenfalls dann, wenn nicht gerade um die 2000 Arzte/Farin Urlaub-Fans das Bild prägen, vorrangig aus der Altersklasse von 16-25. Eine Vorband gabs nicht, FURT legten pünktich auf die Minute im nahezu voll belegten Saal los. Farin Urlaub begreift sein Projekt nicht als Solo-Geschichte sondern als vollwertige Band, die mit Ausnahme der vierköpfigen Bläser-Sektion komplett aus Frauen besteht – Gitarristin, Basserin, Drummerin und drei Background-Sängerinnen.

Geboten wurden die Highligts aus den drei bislang erschienenen Alben, lediglich die 2005′er Single »Dusche« sollte fehlen. Musikalisch wird Farin Urlaub meiner Ansicht nach häufig unterschätzt, weil oft der Spaßfaktor im Vordergrund steht. Dennoch wurde wieder mal lässig bewiesen, das der Mann ein erstklassiger und facettenreicher Gitarrist ist. Das Programm wurde deutlich schneller als auf den Alben vorgetragen, so das von Anfang an eine energiegeladene Atmosphäre entstand. Fast ein Alleinstellungsmerkmal sind dabei die Bläser, die hier nicht nur als Staffage für ein paar zwischendurch eingeschmissene Off-Beats fungieren, sondern komplett in alle Songs mit eingebunden sind. Über zweieinviertel Stunden und drei Zugaben gaben Band und Publikum alles, die Bühnengraben-Security hatte volle Hände zu tun um die Crowdsurfer in Empfang zu nehmen, der Schweiss stand knöchelhoch. So solls sein.
Nur eines werde ich nicht mehr begreifen: Wie manche Leute tatsächlich das komplette Konzert da stehen und alles mit der Handykamera aufnehmen. Hier gibts nur daher nur einige Eindrücke im authentisch verwischten Iphone-Stil.

(Klick zum vergrößern – Slideshow, 8 Bilder)
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