Ende der Woche ist das Turnier nun zu Ende und dann ist erst einmal wieder 4 Jahre Pause mit WM-Fieber. Zeit für ein persönliches Fazit meiner bisher erlebten Weltmeisterschaften.
1974, Deutschland
Ich befand mich im Trainigslager für die Vorbereitungen auf meinen ersten Geburtstag. Fußball war mir schnurz.
1978, Argentinien
Auch mit knapp fünf noch kein Interesse am Kick. Kann auch an den ungünstigen Übertragungszeiten gelegen haben, ich mußte um 9 im Kindergarten erscheinen, da kan man nicht bis tief in die Nacht Fußball gucken.
1982, Spanien
Meine erste bewußt erlebte WM. Bei der Übertragung von Eröffnungsfeier und -spiel lag ich bei meiner Tante unter dem Couchtisch und beneidete diesen spanischen Bengel, der die Friedenstaube aus dem präparierten Ball entlassen durfte. Vom Spiel verstand ich noch nichts. Nach dem 2:1 Sieg der Algerier gegen die Deutsche in der Vorrunde (Hackentrick Rabah Madjer, unvergessen!) hielt ich Algerien für eine Fußball-Weltmacht und war, ganz Opportunist, Algerien-Fan. Später sah man dann die deutsche Bewerbung um den Friedensnobelpreis beim Nichtangriffspakt gegen die Österreicher, die Toni Schumacher prompt zwei Wochen später im Halbfinale gegen die Franzosen eigenhändigfäustig stornierte. Fürs Finale war ich zu aufgeregt, anstatt die Niederlage gegen die Italiener im TV zu verfolgen, pöhlte ich draußen einen Ball gegen die Wand des Sägewerks am Ende unserer Straße.
1986, Mexiko
Eine WM in einer ungünstigen Zeitzone. Für einige Spiele ließ ich mich spät Nachts wecken, so zum Elfmeterschießen gegen die Mexikaner im Viertelfinale. Fürs Finale war ich erneut zu aufgeregt. Das Sägewerk war zwar inzwischen abgebrannt, aber die Wand stand noch, des wegen wurde wieder gepöhlt. Als nach der Egalisierung der argentinischen 2:0 Führung durch Rummenigge und Völler die Begeisterungsschreie aus den umliegenden Gärten hallten, rannte ich nach Hause. Genau passend zum 3:2 Siegtreffer der Gauchos. Alle guckten mich böse an, und meinen Ball hatte ich auch kaputtgewämmst. Scheiß-Fußball!
1990, Italien
Vorrunde bis Viertelfinale erlebte ich auf einem kroatischen Zeltplatz und regte mich maßlos auf, das das (damals noch) jugoslavische Fernsehen während des laufenden Spiels Werbung einblendete. Frevel! Während des Viertelfinales gegen die Tschechen wurde der Zeltplatz von einem Orkan weggespühlt, mit klatschnassen Klamotten hörten wir das Ende des Spiel in einer kroatischen Radioübertragung. Knapp 40 Mann im einzigen festen Gebäude auf dem Platz, der Toilette.
Das Halbfinale gabs dann wieder daheim in einer Kneipe. Deutschland gegen England, 5:4 nach Elfmeterschießen. Die Engländer freuten sich so sehr, das mir in dieser Nacht noch einer eine Autobatterie schenken wollte. Er hätte sie nur nicht unbedingt aus dem 2. Stock der Kaserne an der Elsener Straße vor mein Fahrrad schmeißen müssen.
Dann das Finale. Ich sammelte wieder Punkte, als ich nach dem Fall von Völler sofort laut »Schwalbe!« in den Raum brüllte. Nicht klug sowas, in öffentlichen Gaststätten. Zum Glück machte Brehme das Ding rein und fünf Minuten später war Deutschland Weltmeister. Danach wurde auf den Straßen erstmalig in den Dimensionen gefeiert, wie wir sie auch vom aktuellen Turnier kennen. Ich werde nie die erschreckten Blicke des Rentnerpaares vergessen, die offensichtlich unabsichtig mit Ihrem Opel Rekord in ein Autokorso an der Heiersstraße gerieten. Als der Korso stockte schaukelten die links und rechts Spalier stehenden Fans die Wagen derartig durch, das es fast zu automobilen Überschlägen kam. Später wurde das dann auch mit Bussen versucht.
1994, USA
Eine blöde WM, von der ich wegen olivgrüner Verpflichtungen wenig mitbekam. Wir waren gewohnt, das Deutschland ins Finale kommt, da scheiden die einfach aus. Im Viertelfinale, gegen Bulgarien! Und das nur weil Thomas Häßler zu klein war.
Das Finale gab es dann bei einem ehemaligen Schulfreund im Garten. Zur Halbzeit war das Bier alle, deswegen griff die Meute zum selbstaufgesetzten Quittenschnaps der Mutter des Gastgebers. Böser Fehler, die Gesichter waren anschließend so gelb wie die Trikots der siegreichen Brasilianer.
1998, Frankreich
Erst 8 Jahre her, ist trotzdem nichts nennenswertes hängen geblieben. Ich war zu der Zeit mehr mit Frauen beschäftigt. Deutschland wieder früh raus.
2002, Japan & Südkorea
Erste WM in Asien, wieder doofe Anstoßzeiten. Die meisten Spiele deshalb mittags bis nachmitags per Internetticker (leider gab es allesaussersport.de noch nicht). Tante Käthes Truppe mogelte sich dank eines überragenden Olli Kahn bis ins Finale am 30. Juni in Yokohama. An diesem Nachmittag wurde der Sohn meiner kroatischen Nachbarin sieben, was bei ihr eine Wohnung voller kroatischer Kinder, Tanten und Omas bedeutete und mir ein Wohnzimmer voller kroatischer Väter und Onkel sowie rapide schwindende Biervorräte einbrachte. In meinen eigenen vier Wänden verstand ich kein Wort und durfte mich als Belohnung noch veräppeln lassen, als Ronaldo zweimal traf. Danach schmeckte der Geburtstagskuchen auch nicht mehr.
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