gelesen IV

Lange starrten sie schweigend über den Fluss auf die blinkenden Lichter Manhattans.
Schließlich sagte Klaus: »Nachts ist es ganz schön.«
»Stell dir vor, wie es für eine Libelle aussehen muss« erwiderte Bob.
»Warum?«, fragte Klaus.
»Ihre Netzaugen haben fünfzigtausend Facetten. Das ist wahrscheinlich so, wie wenn man vollgeknallt mit Acid durch ein Kaleidoskop blickt und dabei am vierten Juli mit einem Drachenflieger mitten durch ein Feuerwerk segelt.«

Bill Fitzhugh – Der Kammerjäger

Bo-Bobobo-Bobooooobo!

(… bitte auf das Riff von »Seven nation army« singen)

Und ich hatte mich bei den Jubelfeiern der Italiener am Dienstag schon gewundert, seit wann die White stripes bei den Tifosi so hoch im Kurs stehen. Aber weit gefehlt:

“Bo-Bobobo-Bobooooobo!” – der Stadiongesang von Maradonas Heimatverein “Boca Junior” ist die Hymne der Squadra 2006.

(Quelle)

Meine Weltmeisterschaften

Ende der Woche ist das Turnier nun zu Ende und dann ist erst einmal wieder 4 Jahre Pause mit WM-Fieber. Zeit für ein persönliches Fazit meiner bisher erlebten Weltmeisterschaften.

1974, Deutschland
Ich befand mich im Trainigslager für die Vorbereitungen auf meinen ersten Geburtstag. Fußball war mir schnurz.

1978, Argentinien
Auch mit knapp fünf noch kein Interesse am Kick. Kann auch an den ungünstigen Übertragungszeiten gelegen haben, ich mußte um 9 im Kindergarten erscheinen, da kan man nicht bis tief in die Nacht Fußball gucken.

1982, Spanien
Meine erste bewußt erlebte WM. Bei der Übertragung von Eröffnungsfeier und -spiel lag ich bei meiner Tante unter dem Couchtisch und beneidete diesen spanischen Bengel, der die Friedenstaube aus dem präparierten Ball entlassen durfte. Vom Spiel verstand ich noch nichts. Nach dem 2:1 Sieg der Algerier gegen die Deutsche in der Vorrunde (Hackentrick Rabah Madjer, unvergessen!) hielt ich Algerien für eine Fußball-Weltmacht und war, ganz Opportunist, Algerien-Fan. Später sah man dann die deutsche Bewerbung um den Friedensnobelpreis beim Nichtangriffspakt gegen die Österreicher, die Toni Schumacher prompt zwei Wochen später im Halbfinale gegen die Franzosen eigenhändigfäustig stornierte. Fürs Finale war ich zu aufgeregt, anstatt die Niederlage gegen die Italiener im TV zu verfolgen, pöhlte ich draußen einen Ball gegen die Wand des Sägewerks am Ende unserer Straße.

1986, Mexiko
Eine WM in einer ungünstigen Zeitzone. Für einige Spiele ließ ich mich spät Nachts wecken, so zum Elfmeterschießen gegen die Mexikaner im Viertelfinale. Fürs Finale war ich erneut zu aufgeregt. Das Sägewerk war zwar inzwischen abgebrannt, aber die Wand stand noch, des wegen wurde wieder gepöhlt. Als nach der Egalisierung der argentinischen 2:0 Führung durch Rummenigge und Völler die Begeisterungsschreie aus den umliegenden Gärten hallten, rannte ich nach Hause. Genau passend zum 3:2 Siegtreffer der Gauchos. Alle guckten mich böse an, und meinen Ball hatte ich auch kaputtgewämmst. Scheiß-Fußball!

1990, Italien
Vorrunde bis Viertelfinale erlebte ich auf einem kroatischen Zeltplatz und regte mich maßlos auf, das das (damals noch) jugoslavische Fernsehen während des laufenden Spiels Werbung einblendete. Frevel! Während des Viertelfinales gegen die Tschechen wurde der Zeltplatz von einem Orkan weggespühlt, mit klatschnassen Klamotten hörten wir das Ende des Spiel in einer kroatischen Radioübertragung. Knapp 40 Mann im einzigen festen Gebäude auf dem Platz, der Toilette.

Das Halbfinale gabs dann wieder daheim in einer Kneipe. Deutschland gegen England, 5:4 nach Elfmeterschießen. Die Engländer freuten sich so sehr, das mir in dieser Nacht noch einer eine Autobatterie schenken wollte. Er hätte sie nur nicht unbedingt aus dem 2. Stock der Kaserne an der Elsener Straße vor mein Fahrrad schmeißen müssen.

Dann das Finale. Ich sammelte wieder Punkte, als ich nach dem Fall von Völler sofort laut »Schwalbe!« in den Raum brüllte. Nicht klug sowas, in öffentlichen Gaststätten. Zum Glück machte Brehme das Ding rein und fünf Minuten später war Deutschland Weltmeister. Danach wurde auf den Straßen erstmalig in den Dimensionen gefeiert, wie wir sie auch vom aktuellen Turnier kennen. Ich werde nie die erschreckten Blicke des Rentnerpaares vergessen, die offensichtlich unabsichtig mit Ihrem Opel Rekord in ein Autokorso an der Heiersstraße gerieten. Als der Korso stockte schaukelten die links und rechts Spalier stehenden Fans die Wagen derartig durch, das es fast zu automobilen Überschlägen kam. Später wurde das dann auch mit Bussen versucht.

1994, USA
Eine blöde WM, von der ich wegen olivgrüner Verpflichtungen wenig mitbekam. Wir waren gewohnt, das Deutschland ins Finale kommt, da scheiden die einfach aus. Im Viertelfinale, gegen Bulgarien! Und das nur weil Thomas Häßler zu klein war.
Das Finale gab es dann bei einem ehemaligen Schulfreund im Garten. Zur Halbzeit war das Bier alle, deswegen griff die Meute zum selbstaufgesetzten Quittenschnaps der Mutter des Gastgebers. Böser Fehler, die Gesichter waren anschließend so gelb wie die Trikots der siegreichen Brasilianer.

1998, Frankreich
Erst 8 Jahre her, ist trotzdem nichts nennenswertes hängen geblieben. Ich war zu der Zeit mehr mit Frauen beschäftigt. Deutschland wieder früh raus.

2002, Japan & Südkorea
Erste WM in Asien, wieder doofe Anstoßzeiten. Die meisten Spiele deshalb mittags bis nachmitags per Internetticker (leider gab es allesaussersport.de noch nicht). Tante Käthes Truppe mogelte sich dank eines überragenden Olli Kahn bis ins Finale am 30. Juni in Yokohama. An diesem Nachmittag wurde der Sohn meiner kroatischen Nachbarin sieben, was bei ihr eine Wohnung voller kroatischer Kinder, Tanten und Omas bedeutete und mir ein Wohnzimmer voller kroatischer Väter und Onkel sowie rapide schwindende Biervorräte einbrachte. In meinen eigenen vier Wänden verstand ich kein Wort und durfte mich als Belohnung noch veräppeln lassen, als Ronaldo zweimal traf. Danach schmeckte der Geburtstagskuchen auch nicht mehr.

Fastweltmeister

In der 119. Minute kam das aus und danach der Schwur, nie mehr Pizza zu essen oder in die Eisdiele zu gehen. Zumindest diese Woche nicht. Vielleicht …
Einige hundert verschlug es noch mal ans Westerntor, das in dieser Nacht in italienischer Hand war. Doch der Rausch darf nicht enden, und so stimmte man mit ein und schwenkte leise die schwarz-rot- -goldene im Takt der grün-weiß-roten. Samstag gehts weiter!

(Für Slideshow auf das Bild klicken, 7 Bilder, 330 KB)

lauter Optimisten

Neben flächendeckender Begeisterung und der Tatsache, das die Nationalflagge wieder gesellschaftsfähig geworden ist, hat der Auftritt der Klinsmann-Elf bei dieser WM noch einen weiteren Effekt mit sich gebracht: Unerschütterlichen Optimismus, zumindest in Bezug auf die Spiele der deutschen Mannschaft. Kannte man so ja auch noch nicht.
Im Tippspiel vom Pottblog fanden sich zum Halbfinale gegen Italien unter den knapp 30 Tippern nur zwei, die nicht auf einen deutschen Sieg setzten.

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Als Pessimist aus Überzeugung war ich selbstredend einer derjenigen, die die Italiener vorne sahen (… wenigstens etwas Boden gutgemacht, für meine völlig in die Wicken gegangenen Viertelfinal-Prognosen).
Angenehmer Nebeneffekt: Der Sieg der Azzurri hat mir in der Firma den Tipper-Pott eingebracht, 270 Euro Cash, weil es in den 5 Spielen zuvor nie jemand geschafft hat, das exakte Ergebnis zu vorherzusagen. Ich kaufe jetzt ein Portugal-Trikot …

Mit besten Grüßen aus der Landmetzgerei

Möglicherwiese gibt es Paralleluniversen. Wenn dem so ist, dann ist da vielleicht auch eines, in dem Franz Kafka, David Lynch und Hans Ruedi Gieger gemeinsam eine kleine Werbeagentur betreiben. Unter Umständen gehen die Geschäfte nicht so gut, in dieser Werbeagentur, und möglicherweise ist das Koks in diesem Paralleluniversum ‘ne Spur stärker und der Absinth noch so richtig mit Thujon versetzt. Und so knallen sich unsere Protagonisten amtlich zu und holen sich den ollen van Gogh, der noch auf den Resten seines Ohres kaut, als Artdirektor dazu.
Mit viel Glück ist dann das gerüttelte Maß an absurder Groteske erreicht, um den Auftrag von dieser Landmetzgerei auszuführen, welche die Heckklappe ihres Transporters als Werbefläche nutzen will.

Zwischen Brainstorming im Koksrausch, grünen Feen und angeborenem Wahnsinn entsteht dann eine Zeichnung, auf der eine fröhlich grinsende Sau mit stilisierten Zitzen sowie eine dumm dreinblickende Kuh – deren Euter zwischen ihrem Körper und dem Stuhl, auf dem sie sitzt, hervorquillt – an einem Tisch sitzen. In den Paarhufen halten beide ein ordentliches Besteck, mit dem sie vergnüglich und speichelspritzend die auf dem Tisch aufgeladenen Wurst- und Schinkenwaren in sich reinstopfen.

Wie gesagt, mit den Paralleluniversen bin ich mir nicht sicher. Aber der Wagen, der stand heute Nacht an der Ampel vor mir.

Böse FIFA!

Hey, ihr Funktionarios! Wenn ihr unseren Torsten Fings im Halbfinale gegen die Squadra Azzurra nicht mitspielen lassen wollt, ha, wir können auch anders! Dann werden wir mal fix wieder die grimmigen Bilderbuchdeutschen, wie man sie kennt (und mal unter uns, Sepp, das wir hier auf einmal alle so fröhlich und freundlich sind, das hast Du uns doch eh nicht abgekauft: »… er könne gar nicht glauben, dass er hier mitten in Deutschland sei, denn er habe ›noch gar keine Pfiffe‹ gehört.« ).
Weißt Du wie’s läuft? Wir schmeißen das ganze Funktionärspack raus (vielleicht hat der Franz auf dem Weg nach Kitzbühel im Heli ja noch ein paar Plätze frei) und erklären die WM ratzfatz an dieser Stelle für beendet.

Der Pott bleibt natürlich hier, den vakanten Titel spielen wir dann demnächst mit Griechenland und Grönland aus, die haben ja auch noch ein Hühnchen mit euch zu rupfen.

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