Mit dem Messer zwischen den Zähnen

In den Jahren vor der Jahrtausendwende bin ich viel mit dem Auto unterwegs gewesen. Beruflich und privat pendelte ich häufig zwischen dem Ruhrgebiet, Ostwestfalen und Berlin, diverse Male ging es nach Norditalien. So kamen am Jahresende meist zwischen 60.000 und 80.000 gefahrene Kilometer zusammen.

Seit 2000 ist das deutlich weniger geworden, die Jahresleistung ist im Schnitt geringer als 8.000 Km, lange Strecken fielen kaum an. In den letzten Wochen hat es sich nun ergeben, das ich häufiger in den Raum Südhessen/Nordbayern musste. Ich weiß jetzt nicht, ob es an mir oder an der Welt da draußen liegt, aber mir kommt es so vor als würde auf den Straßen nur noch nach Wild-West Regeln gehandelt. Vor einigen Wochen für ich Freitag abends die A7 Richtung Fulda, die auch bei wohlwollendster Betrachtung nicht mehr eine schlecht asphaltierte Hämorrhoide epochalen Ausmaßes darstellt. Es regnete in Strömen, was bei diesem fauligen Alptraum eines jeden Verkehrsplaners den nicht unspektakulären Effekt fortgesetzten Aquaplanings nach sich zieht. Trotz bester Voraussetzung mit neuen Pneus und gechecktem Reifendruck war aufgrund der Straßen- und Sichtverhältnisse im Rahmen der christlichen Seefahrt Autofahrt nicht mehr als eine Geschwindigkeit von 100 km/h drin, schon inklusive des Nevenkitzels, wenn wieder ein Rad mit lautem “Schwooosch” vom kurzzeitigen Verlust des Fahrbahnkontaktes kündete.

Dennoch war offenbar eine ganze Menge ambitionierter Organspender unterwegs, wird ja gesucht, dieser Club vergibt nun mal keine Ehrennadeln für langjährige Mitgliedschaft. Jedenfalls rauschte es ständig nur so links (und vereinzelt auch rechts, man ist da nicht mehr so kleinlich) an mir vorbei. Den Tagessieg peilte vermutlich ein schwarzer Audi mit Ingolstädter Kennzeichen an, ich meine es wäre ein Avant-Modell gewesen, bin mir aber nicht sicher, könnte auch eine Täuschung ob der Bewegungsunschärfe gewesen sein. Dieser KFZ-Lemming preschte jedenfalls auf Höhe der Abfahrt »Schlitz« (ja, von lustigen Ortsnamen verstehen sie in Hessen was) mit geschätzten 200 Sachen (remember: Bindfadenregen, drei Daumen dick Wasser auf der Piste) an mir vorbei, eine Wasserfontäne von kometenschweißartiger Dimension hinter sich her ziehend. Er hätte es sicher auch ins grüne Trikot des Sprintstärksten geschafft – wenns ihn nicht kurz vor der Anschlußstelle Fulda-Nord an der Mittelplanke zerissen hätte. Ob das ganze gut ausgegangen ist vermag ich nicht zu sagen, als ich die Stelle passierte waren zwei der drei Fahrspuren gesperrt und der Rest der völlig demolierten Karosse wurde für den letzten Gang zum Verwerter aufgeladen.

Bei normaler Witterung scheint es mir freilich nicht anders zuzugehen. Am Wochenende war ich auf gleicher Strecke unterwegs, die zur Verdeutlichung der absoluten Notwendigkeit weiter steigender Mineralölsteuern südlich von Kassel nur noch aus Baustellen besteht. Nun kennt das ja jeder, das man in Baustellen – hier am Kirchheimer Dreieck – da, wo »60« steht mal mindestens »80« fährt. Mach ich auch nicht anders. Neu war mir nur, das man dabei auch schon mal von einem Sattelzug überholt wird, der mit knapp 100 Sachen links auf der 2-Meter Spur an einem vorbei zwängt. Dieser Blick in die rotierenden Brummi-Reifen, die einem den Vogeldreck vom Aussenspiegel wischen, unbezahlbar.

Auch das mit dem Abstandhalten klappt wohl nicht mehr ganz so, wie vom Gesetzgeber vorgesehen. Klar, »halber Tacho« haben sie mir früher erzählt – aber so’n Tacho hat ja auch nicht mal 15 Zentimeter Durchmesser! Irgendwie fühle ich mich nur unwohl, wenn ich im beim Tempo jenseits der Richtgeschwindigkeit im Rückspiegel trotzdem noch die auf der Windschutzscheibe des folgendes Fahrzeuges zur letzten Ruhe gekommenen Insekten anhand ihrer aufgepilzten primären Geschlechtsmerkmale in Männlein und Weiblein auseinanderdividieren kann.

Als kleines Kontrastprogramm dazu (und um das »Klickdraufzumgroßmachen«-Plugin zu testen, Dank an Torsten vom Taxi-Blog) hier noch ein Stück echter Fahrkultur, ein 54′er Cadillac mit dem ich unlängst mit größtmöglichem Vergnügen eine kleinstmögliche Runde drehen durfte. Keine Kopfstützen, kein Plastik (ok … nur ganz wenig) und ein Sound aus 5,9 Litern.

Und der Sommer fängt erst an

Früchte großartiger Planungsleistung: Die Klimaanlage in den Büros und Kundenräumen schaltet sich bei Außentemperaturen über 27° C ab. Grund? Ab dieser Grenze wird die komplette Leistung allein dafür benötigt, die Serverräume schattig zu halten. Deswegen aktuelle Arbeitsplatztemparatur 33° C, präsentiert mit freundlicher Unterstützung von moderner Architektur in Glas und Beton.

Zum Glück sind Gewitter angesagt.

Beruf(ung)

Berufung

Mancher Name macht die Berufswahl leicht.

(… btw, Herr Ronaldo, ich hätte da einen Tip,
bezüglich Ihres Problems …)

Ganz unten

In meinem ruhigen Wohnvorort schmiegt sich, eingebettet in einen baufälligen Bretterverschlag, ein Altpapiercontainer nebst umstehender Peripherie aus Altglas- und Altmetallsammeltonnen auf ein Fleckchen Erde zwischen die drei Sportplätze. Sind selten geworden, solche Sammelstellen seitdem sich hinter jedem Haus drei bis vier Abfalltonnen bemühen, den Müll jeglicher Art in geordnete Bahnen zu lenken.

Gerade eben habe ich eine Fuhre Einwegglas und Altpapier weggebracht (… nach 20 Uhr, grobe Ordnungswidrigkeit, i know). Als ich meinen Kram grade gedankenversunken durch die erste Einfülluke des mannshohen und ca. 2,5 x 5 Meter großen Papiercontainers stopfen will fährt mich aus dem dunkel von drinnen plötzlich eine Stimme an: »Halt! Nicht dadrauf!«

Verdutzt halte ich inne, setze ab und gehe zur Hinterseite des, wie mir jetzt erst auffällt, dort offen klappenden Containers. Als ich reinschaue ist das Behältnis bis auf den hinteren Teil fast leer. Unterhalb der Öffnung, durch die ich mich eben meines Altpapiers entledigen wollte kniet ein hagerer Mann mit schütterem grauen Haar und faltet einige größere Kartons auseinander, um sie in der Ecke zu einem Lager aufzuschichten. Er wirkt alt, eher 60 als 50, trägt eine verschlissene Flecktarnhose und ein graues Feinrippshirt. »Stells da in die Ecke. knurrt er, sich nur halb zu mir umwendend.

Ich stelle meinen Krempel ab, gehe zurück zum Wagen. Den Typen habe ich hier schon damals gesehen, bevor ich vor 6 Jahren weggezogen bin. Immer mal wieder ist er mir inzwischen in den letzten Jahren aufgefallen, meistens mittwochs, wenn ich mittags auf dem Weg in die Stadt den Marktplatz passierte und er dort zum Ende des Wochenmarktes den Händlern half, ihre Steigen und Paletten zusammenzupacken.

Zwei Fuhren hab ich noch aus dem Kofferaum geholt und überlegt, ob ich quasi aus der Hüfte mit dem Handy ein Foto schießen soll. Wäre kein Problem, erscheint mir dann aber irgendwie entwürdigend. So lass ich’s sein. Den nächsten Packen alter Zeitungen nimmt er mir direkt aus der Hand, den dritten stelle ich wortlos ab, wärend er weiter seinen Schlafplatz baut. Als ich danach das Altglas in die nebenan stehenden Container plumpsen lasse verrät ein metallenes Knirschen, das er die große Verschlußklappe am Ende des Containers zugezogen hat. Von innen.

Ich kanns nicht richtig einordnet. Weiß nicht, wie er drauf ist, was ihn in diese Lage gebracht hat. Vielleicht ist er ein Arsch, vielleicht eine arme Sau, oder beides, keine Ahnung. Nur meine täglichen Sorgen um Job, Geld und Verpflichtungen, um das was ist und das was mal werden könnte, die nehmen sich in diesem Moment sehr viel kleiner aus.

Lost in Orientation

Der Herr Problemlöser war auf der Uni-Party, die Sommerausgabe. Eine Veranstaltung mit der mich ein eher ambivalentes Verhältnis verbindet. Das liegt ein wenig daran, das ich um die Uni immer eine weiten Bogen gemacht habe, denn als Student wären Charaktäre wie ich hoffnungslos versumpft. Da gibt es genügend Beispiele. Ergo fehlt mir auch die Ortskenntnis in dem Komplex, was sich bei den wenigen Uniparties, die ich besucht habe, immer als elementarer Nachteil herausgestellt hat. Entweder man stand stundenlang irgendwo an um reinzukommen (voll ist es ja immer), oder man wurde von verschlagenen Erstsemestern in die falsche Richtung zu nicht-existenten Nebeneingängen geschickt. War man dann irgendwann doch drin, mußte man nicht lange auf die hämischen Kommentare der Insider warten, die ohne Probleme über den am wenigsten frequentierten Einlass Zugang gefunden hatten.

Am besten wars bei der Party irgendwann Mitte/Ende der 90er, als Krombacher MC aufgespielt haben. Erst standen wir schön lange in der Schlange, um dann bei der Ticketkontrolle zu merken, das unser Fahrer die Karten zu Hause in Hövelhof auf dem Küchentisch liegen gelassen hatte. Dachte er jedenfalls. Nach einem Tiefflug über A33 und B68 fand sich dort nämlich nicht viel mehr als ein Rest Schwarzbrotkrümel vom Abendessen. Die Karten tauchten dann im Rahmen der sofort angesetzten Fahrzeugkontrolle hinter der Sonnenblende des Autos auf. So waren wir dann kurz nach elf doch noch zurück in Paderborn und auf dem Gelände. Genug für zwei Lieder und die Ansage, das man jetzt aufhören müsse, weil der Lärmschutz dies gebiete. Hat sich gelohnt.

Die Entscheidung, nicht zur Uni zu gehen, habe ich dann doch noch zwei, drei Mal bereut. Wenigstens im Sommer …

Steak statt Nutella

Jetzt ist ja WM. Und auch wenn ich mit Sicherheit nie im Leben so einen Deppenwimpel in meine Heckscheibe flanschen würde – das ein oder andere Spiel schaut man sich ja doch schon mal ganz gerne an. Gestern abend gabs bei Freunden Trinidad & Tobago vs. Schweden, ohne Tore aber mit viel Spaß, wenn man es mit den Underdogs hält.

In der Pause wurde ich vom achtjährigen Sohn des Gastgebers genötigt, doch mal einen Blick in sein Panini-Sticker-Album zu werfen. Sicher nicht ohne Hintergedanken in Hinblick auf mögliches Folgegeschäft in Form von Aufklebersponsoring durch meine Geldbörse. (597 Sticker gehen in so ein Album rein. Das Päckchen mit 5 Stickern zu 50 Cent. »Ein Griff in die Tasche von Freunden!« …)

Das deutsche Team hatte er schon recht komplett, und da ist mir erst aufgefallen, was für ein Ensemble von guterzogenen Musterschwiegersöhnen man da überhaupt ins Turnier schickt. Ehrlich, eine Mannschaft freundlich lächelnder Sonnenscheinchen reinsten Wassers. Die Bilder sehen aus wie vom Fototermin des Abschlußjahrganges der Regensburger Domspatzen, bei den ganzen Grinsbacken vermißt man unterbewußt nur noch die Visage von Florian Silbereisen (… sooo weit ist der von einem Philipp Lahm nicht mehr weg)! Sicher kann man mit den Jungs ganz toll Werbung machen und Produkte verkaufen, aber einen Pokal holen? Gegen das geballte Blendax-Lächeln der Podolskis, Mertesackers und Metzelders kann ein gewohnt grimmiger Kahn alleine dann auch nicht mehr an, wo er zudem noch nicht mal spielt.

Ich hab das im Geiste mal mit meinem ersten WM-Stickerheft verglichen. Das war 1982 die Ausgabe für die kleinen Aufkleber aus Duplo und Hanuta. Damals gabs in dem Heft noch so interessante Sonderinfos, wie z.B. die, das geschätze 80 % der Mannschaft auf Musik von Peter Maffay standen und als Lieblingsgericht »Steak« angaben. Und genau so müssen Fußballer sein! So wie damals ein Hans-Peter Briegel, »die Walz aus der Pfalz«, mit dem zur Faust geballten Gesicht und Daumendicken geschwollenen Adern. Oder Typen wie Manni Kaltz und Horst Hrubesch, hinter dessen Oberschenkeln sich die Podolskis und Kloses von heute gemeinsam verstecken könnten.

Ohne Rustikalkünstler wie Vogts und »Katsche« Schwarzenbeck ‘74 oder Kohler und Buchwald ‘90 wären WM-Erfolge nie möglich gewesen. Oder 1986, als Trainer Beckenbauer seine Nationalstürmer fragte: »Hört’s, gegen welchn Bundesligaverteidiger spielt’s denn am wenigstn gern?«. Völler & Co. haben dann die Schienbeinschohner runtergeklappt und blaue Flecken gezählt, und so wurde ein Norbert Eder von Bayern München zum WM-Fahrer. Die Furchen, die dieser in 7 Spielen in mexikanischer Erde hinterlassen hat kann man heute noch in so manchem Stadion dort bewundern. Aber es hat immerhin bis zum Finale gereicht. Und wenn Maradona nicht im Viertelfinale die Briten mit der »Hand Gottes« betrogen hätte, dann wären wir da auch Weltmeister geworden. Spätestens im Elfmeterschießen.

Genau das fehlt mir bei der Truppe 2006. Zuviel Nutella-Clique und McDonalds-Kicker, zu wenig blutiges Steak. Oder wie Harald Schmitt das gestern abend besser formuliert hat:

»Wir müssen uns entscheiden: Wollen wir einen ständigen Sitz im Weltsicherheitsrat, oder wollen wir Weltmeister werden?«

nur geträumt

Um 3:30 Uhr fiept das Handy, gedämpft von dem darüber liegenden T-Shirt. Schlag die Augen auf und bin sofort wach, ohne zu wissen ob ich überhaupt richtig geschlafen habe. Schnell den Wecker am Fußende des Bettes ausgestellt, der zur Sicherheit zeitverzögert zündet. Ein Kuss auf ihre warme Schulter. Dann raus, über den Flur in die Küche. Mechanische Handgriffe, drei gestrichene Lot Kaffeepulver, Wasser bis zur 6.

Wärend die Maschine losbrodelt leise über die knarrenden Dielen in den Flur, vorbei an der kaum vier Stunden vorher achtlos vollgestopften Reisetasche. Im Bad Zähneputzen, Katzenwäsche, die Klamotten von gestern. Zurück zum Bett, sanftes Wecken, auf eine letzte Zigarette, einen letzten Kaffee. Ohne die Augen zu öffnen liegt sie da, murmelt etwas, ich verstehe erst beim dritten Mal.
»Holst Du mir eine Buscopan?«

Muß die Tablette erst suchen, neues Bad, fremde Schubladen. Mit einem Glas Wasser zurück ins Schlafzimmer, sie schlummert bereits wieder. Sachte angestupst, wortlos langsam nimmt sie die Tablette, trinkt einen Schluck.

»Stehst Du auf, ich muß gleich los?« sage ich und gehe in die Küche, zwei Kaffee einschenken. Ein, zwei Minuten später kommt sie, mehr schlafend als wach, setzt sich auf die Bank, zieht die Beine an die Brust und die Strickjacke über die Knie. Ist zwar Juni, aber trotzdem kalt, um zehn vor vier.

Noch einen Becher, bevor es auf die Bahn geht. 270 Kilometer nach Paderborn, spätestens in Kassel wird wieder alles voll von LKWs sein. Zu Hause schnell duschen, dann um 8 Uhr zur Arbeit.
Zusammen zur Tür, Verabschiedung, bis nächste Woche. In ihrer letzten Umarmung ein Lächeln …

»Weißt Du, ich habe geträumt, ich hätte Zahnschmerzen.«

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